Die Song-Architektin

Die Song-Architektin

Ausnahmekünstlerin Tori Amos im Interview

Sobald die amerikanische Songwriterin Tori Amos ein neues Album herausbringt, steht die Musikwelt Kopf. Nicht anders war es, als sie mit dem im Oktober erschienenen "Night of Hunters" ihr Debüt bei dem deutschen Klassik-Label "Deutsche Grammophon" gab. Auf ihrem zwölften Studioalbum erzählt die rothaarige Sirene eine düstere Geschichte über Selbstaufgabe und Neu-Findung nach einer gescheiterten Beziehung.

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von Alexander Möllmann

Tori, Lass uns zunächst über dein neues Album sprechen: Du hast deine Musik von Alternative zu Variationen von klassischen Stücken weiterentwickelt. Wie kam es dazu?

Amos: Es war Dr. Alexander Buhr, der mich auf die Idee brachte. Er hat lange Zeit die Strukturen in meinen Songs studiert und auch die Tatsache, dass ich jetzt bereits lange Zeit an einem Musical arbeite, bedeutete für ihn, dass ich die Möglichkeit hätte, einen Song-Zyklus zu schreiben. Es war ihm wichtig, dass ein Song-Zyklus des 21. Jahrhunderts Musik aus den letzten 400 Jahren enthalten müsse. Aber wir wollten keine platte Kopie dieser Stücke und haben daher versucht einen modernen Bezug herzustellen.

Wie war für dich die Arbeit mit diesen großen Namen wie Bach, Schubert oder Chopin?

Amos: Ich glaube nicht, dass sich jeder Komponist von heute dieser Arbeit annehmen würde, weil sie eine ganz besondere Architektur aufweisen. Erstens musst du diese Stücke lieben, zweitens musst du sie respektieren und drittens musst du bereit sein, sich ihnen auf eine gewisse Weise zu unterwerfen. Und dann wurde uns klar, dass wir kein Progessive-Rock Album machen wollten. Doch um sicher zu gehen, dass es so ein Album nicht wird, musst du dir im Klaren darüber sein, wo die Wurzeln der Songs sind. Dadurch wurde die Struktur des Albums sehr stringent für mich als Komponistin.

Wie wirkte sich das auf die Arbeit an "Night of Hunters" aus?

Amos: Das Album vollzieht eine Gratwanderung: Es muss den klassischen Vorlagen Respekt zollen, muss aber auch für die Menschen von heute verständlich sein. Die Songs dürfen nicht den Eindruck machen, als seien sie über 150 Jahre alt, denn dann geht der Bezug zur Gegenwart verloren. Das komplizierteste daran war die Sprache. Mein ursprünglicher Gedanke war, alte Gedichte als Lyrics für die Songs zu verwenden. Alexander Buhr sagte mir jedoch, dass er nicht gerne Emily Dickinsons Texte zu Schubert hören würde. Er fände es spannender, wenn ich Sprache aus der heutigen Zeit benutze und diese mit der Musik von damals verbinden würde – und er hatte Recht. Ich habe also unter dem Grundsatz gearbeitet, zwar poetische Sprache zu benutzen, jedoch solche, die eben jeder von heute versteht.

"Wir leben in einer sehr kleinen Welt"

Wenn du nur ein paar Sätze hättest, um die Geschichte hinter "Night of Hunters" zu beschreiben,welche wären das?

Amos: Das Schlüsselelement bei dieser Geschichte ist die Zeit – all die Dinge, die während eines einzigen Tages passieren können, haben das Potential, dein Leben vollkommen über den Haufen zu werfen. Wir leben heutzutage in einer sehr kleinen Welt: Informationen rasen im Sekundentakt um den Globus und der Mensch ist in der Lage Entscheidungen zu treffen, die sein Leben in nur einem Tag aus den Fugen geraten lassen. In dieser Geschichte geht es um eine Frau, die vor den Scherben ihrer Beziehung steht und ich ergründe den psychologischen Prozess, den sie vollzieht, um wieder Frieden mit sich und der Welt schließen zu können. Dafür vollzieht sie eine Transformation: Sie tritt ein in eine mystische Welt in Irland und entdeckt Teile ihrer Seele wieder, die sie auf dem langen Weg ihrer Beziehung verloren hat.

Auf "Night of Hunters" tritt zum ersten Mal deine Tochter Natashya als ebenbürtige Duett-Partnerin auf – wie kam es dazu?

Amos: Als ich die Figur der Anabelle entwickelte, dachte ich, dass jeder Song-Zyklus in irgendeiner Form eine Inkarnation der Natur enthalten sollte. Und als ich darüber nachdachte, kam mir die Idee, der Natur die Stimme eines Kindes zu geben. Es gibt einen alten Mythos, der die Natur als alterlos, unschuldig und ehrlich ansieht. Also dachte ich: 'Hey, all diese Eigenschaften verkörpert auch ein Kind.' Und so kam ich auf die Idee, Natashya die Rolle der Anabelle zu geben. Gleichzeitig verkörpert sie aber auch eine Dualität, denn sie nimmt zwei Rollen ein: die der Jägerin und die der Gejagten. Das ist die Doppeldeutigkeit der Natur – es geht immer um Schöpfung und Zerstörung.

Findet sich diese Dualität auch in der Beziehung zwischen Frau und Mann wieder?

Amos: Auf jeden Fall. Ich habe lange darüber nachgedacht, welche Symbole ich für die Frau und den Mann verwenden sollte. Ursprünglich gibt es ja die Assoziation der Frau mit dem Meer. Das hat viel mit Schöpfung und Geburt zu tun. Doch das war mir ein bisschen zu offensichtlich, also beschloss ich dem Mann die Kraft des Meeres zu geben, denn das passte sehr gut mit der alten irischen Mythologie zusammen. Im Gegenzug bekam die Frau das Symbol des Feuers, welches sie auch auf eine zerstörerische Art und Weise einsetzt, indem sie ihrer Beziehung den Rücken kehrt.

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