'Die Kommune': Eine scheiternde Utopie von Thomas Vinterberg

Die Kommune
Affäre zwischen Kommune-Bewohnern: Der Architektur-Dozent Erik geht auf die Avancen der hübschen Studentin Emma ein. Foto: Prokino/dpa © DPA

In einer Zeit, in der die Zahl der Single-Haushalte zunimmt, WGs reine Zweckgemeinschaften mit Kühlschränken voller namentlich gekennzeichneter Lebensmittel sind und die Privatsphäre höchste Priorität genießt, wirken kollektive, basisdemokratische Wohnformen geradezu absurd.

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Mit entsprechendem zeitlichen Abstand kann man sie aber mit verklärender Nostalgie gütig belächeln. Der dänische Dogma-Filmer Thomas Vinterberg hat seine Jugend in den 1970er-Jahren in genauso einer Kommune verbracht. Sein gleichnamiger Film erzählt davon, wie der Einzelne an seinen Idealen scheitert.

Als Erik (Ulrich Thomsen) die riesige Villa seiner Eltern erbt, ist seine Frau Anna (Trine Dyrholm) Feuer und Flamme. Das Paar kann sich den Unterhalt allein aber nicht leisten, also Anna schlägt eine Kommune vor. Sie will etwas Neues, andere Menschen um sich herum. "Ein kleines Haus, hält auch unseren Geist klein", postuliert sie. Auch die 14-jährige Tochter Freja (Martha Sofie Wallstrøm Hansen) ist von der Idee begeistert. Nur Erik zögert und lässt sich dann doch überreden.

Schnell sind Mitbewohner gefunden: Der chaotische Ole (Lars Ranthe), der sensible Quotenausländer Allon (Fares Fares), die lebensfrohe Mona (Julie Agnete Vang) und das WG-erfahrene Paar Ditte (Anne Gry Henningsen) und Steffen (Magnus Millang) mit seinem neunjährigen Sohn, der wegen eines Herzfehlers nicht mehr lange zu leben hat. Es ist ein bunter Haufen verschiedener Individuen (von denen längst nicht alle Miete zahlen können), die aber als Einzelpersonen trotz ihrer Marotten in den Hintergrund treten.

Was komödiantisch beginnt, bekommt schnell etwas Bedrückendes: Bei einem der ersten gemeinsamen Abendessen will Erik Anna von seinem Job erzählen, geht jedoch in dem allgemeinem Trubel unter. Anna, die erfolgreiche Nachrichten-Moderatorin, blüht hingegen auf.

Wenig später geht Erik, der sich als Architektur-Dozent mit den Formen des Zusammenlebens beschäftigt, auf die Avancen der hübschen Studentin Emma (Helene Reingaard Neumann) ein. Was anfänglich wie eine Trotzreaktion des vernachlässigten Ehemanns anmutet, entwickelt sich zu einer Liebe, auch wenn diese einen bitteren Beigeschmack hat. Ist Emma doch ein Abbild von Anna - nur in jung.

Als Anna von der Beziehung erfährt, versucht sie ihre Fassung zu bewahren. Schließlich will sie nicht in spießige Konventionen verfallen, sie gibt sich tolerant und schlägt Erik vor, dass Emma doch in die Kommune einziehen kann - nicht als Teil einer Ménage-à- trois sondern als Eriks Freundin. Die WG stimmt der neuen Mitbewohnerin zu - und Anna zerbricht.

Hatten die Protagonisten schon bis dahin in jeder erdenklichen Situation eine Zigarette in der Hand, das Wein- oder Bierglas am Mund, wird beides für Anna zum stetigen Begleiter. Wein und Zigaretten liegen am Waschbecken, den letzten Schluck vor ihrer Nachrichtensendung nimmt sie in der Maske, den letzten Zug noch im Studio bevor die Kameras angehen. Irgendwann kann sie nicht mehr: Ein Störungsbild flackert über die Bildschirme. Anna verliert ihren Job.

Es ist schmerzlich mit anzusehen, wie Anna an ihren Idealen zerbricht. Vinterberg, der 1999 mit seinem Film "Das Fest" bekannt wurde, und sein Kameramann Jesper Tøffner fangen die Verzweiflung Annas immer wieder mit Nahaufnahmen ihres Gesichts ein. So wie sie zuvor das verwunschene Haus mit seinem morbiden Charme in schönen Bildern aufgenommen haben. Für ihre herausragende Darstellung der Anna erhielt Dyrholm bei der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären.

Auch Erik leidet, macht aber als überforderter Mann mit der schönen jungen Freundin nicht gerade eine gute Figur. Als alle Mitbewohner beraten, wie es nun weiter gehen soll, sagt Ditte, dass das allein Erik und Anna entscheiden müssen. Die Gemeinschaft kann ihnen das nicht abnehmen. Eine Vision ist gescheitert - in schönen Bildern und mit großartigen Schauspielern. Das macht es umso trauriger.


dpa

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