"Die Gräfin" von und mit Julie Delpy - Filmkritik

3 von 5 Punkten

"Die Gräfin" von und mit Julie Delpy - Filmkritik

Von Mireilla Zirpins

Es gab Zeiten, in denen konnte man sich noch nicht wie die Hollywood-Beautys einfach unters Messer legen, um sich die Falten aus dem Gesicht ziehen zu lassen. Da sah eine Frau mit Anfang 40 eben auch so aus – und nicht so botoxjugendlich wie Nicole Kidman oder Meg Ryan. Doch wer sagt denn, dass die Damen sich früher kampflos mit ihrem natürlichen Verfall abgefunden haben? Ein Thema, das die bildschöne Julie Delpy, die dieses Jahr 40 wird und dem Jugend- und Schönheitswahn des Showbiz immer schon extrem kritisch gegenüberstand, schon immer faszinierend fand. Kein Wunder also, dass die Schauspielerin nach ihrem Regiedebüt mit der selbstironischen Komödie „Zwei Tage Paris“, für die sie sich ordentlich Hüftspeck anfutterte, diesem Thema ihren zweiten Film gewidmet hat.

Wieder spielt sie selbst die Hauptrolle, und zwar noch uneitler als in ihrem Erstling. Brünett und mutig ungefällig agiert sie in dem Kostümdrama als ungarische Gräfin Erzebet Bathory – eine historisch verbürgte Figur, die Anfang des 17. Jahrhunderts über 600 Mädchen getötet haben soll, um in deren Blut zu baden und sich damit ewige Jugend zu verschaffen. Mit was für einer Person wir es zu tun haben, enthüllt schon die erste Szene. Kaltblütig beerdigt die herzallerliebst aussehende kleine Erzebet ihren Vogel in einem Blumentopf – lebendig, wohlgemerkt.

Wenig besser wird es später ihrem Gatten ergehen, an den sie mit 15 verschachert wird. Als der das Zeitliche segnet, wird das Gefühl nicht los, dass Erzebet ihre heilkundigen Finger drin hat. Nur bei ihrem eigenen Gesicht helfen die Kräutermischungen nicht. Und das passt der der Gräfin, die fortan knallhart in die Politik einsteigt und sich einer strategischen Ehe mit einem der heiratswilligen hässlichen Herrscher konsequent verweigert, gar nicht in den Kram. Sie hat nämlich ein Faible für schmucke junge Männer.

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"Die Gräfin" von und mit Julie Delpy - Filmkritik

Doch ihr weitaus jüngerer Lover Istvan (Daniel Brühl) beugt sich irgendwann dem Druck seines Vaters und wendet sich von ihr ab. Erzebet dreht durch. Überzeugt davon, dass allein der Altersunterschied schuld sei, versucht sie es mit schwarzer Magie. Sie pflanzt sich in einer für einen Kostümfilm recht expliziten Szene eine Haarsträhne Istvans in die Brust. Aufgeschnitten und zugenäht wird in grober Handarbeit. Da kommt sie auf den Trichter, dass es nur einen wirksamen Jungbrunnen gibt: Das Blut von Jungfrauen. Fortan sterben ihre Kammerzofen wie die Fliegen, aber nur Erzebet glaubt, dass sie nach dem Blutbad besser aussieht…

Eine spannende Figur hat Julie Delpy, die auch das Drehbuch verfasste, da aufgetan für ihren zweiten Spielfilm. Leider jedoch krankt die Inszenierung vor allem daran, dass sie ihre Hauptfigur so überzeugend harsch verkörpert, dass sie ganz und gar unsympathisch bleibt. Weil ihr das selbst auch klar war, lässt sie die Geschichte von Daniel Brühls Figur Istvan erzählen. Der ist als abtrünniger Lover aber lange Zeit raus aus der Geschichte und auch nicht wirklich eine Figur zum Liebhaben. Er macht seine Sache als jugendlicher Liebhaber jedoch deutlich besser als sein Nachfolger Sebastian Blomberg. Der versucht, bei den Sado-Maso-Spielchen mit der Gräfin verwegen zu gucken. Dafür fällt ihm leider nur ein einziger Gesichtsausdruck ein. Das ist ein bisschen zu wenig.

Die düstere Inszenierung mit dunklen Räumen und rabenschwarzen Roben und Schleiern verbreitet Unbehagen. Dass Delpy zu viel Make-up einsetzt auch. Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn sie zeigt mit ihrem Spiel so viel menschliche Kälte und Bitterkeit, dass sie sich gar nicht hässlicher hätte schminken müssen. Weniger wäre hier mehr gewesen – und das gilt für so manche unnötig lange Szene dieser Mischung aus Gothic Novel und Frauendrama. Trotz der deutlichen Schwächen ist Delpys Mut zu loben, eine manchmal sperrige Geschichte abseits der ausgetretenen Hollywood-Pfade auf die Leinwand zu bringen und sich dabei als Hauptdarstellerin bereitwillig zu verschandeln. Sie hätte die Rolle lieber einer anderen Schauspielerin abgetreten, verrät sie. „Aber die Frauen, die einigermaßen prominent waren, hatten Berührungsängste mit der Rolle.“ Soviel zum Thema Schönheitswahn in Hollywood.

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