Devid Striesow als Hape Kerkeling: Er läuft und läuft und läuft

Devid Striesow als Hape Kerkeling: Er läuft und läuft und läuft
Devid Striesow (l.) schlüpft für die gleichnamige Verfilmung des Bestsellers "Ich bin dann mal weg" in die Rolle von Hape Kerkeling © 2015 Warner Bros. Ent. Alle Rechte vorbehalten

Harmlos sieht er aus - und: reichlich vertrottelt. Die Shorts, der bescheuerte Sommerhut Marke C&A, das Lächeln, das die allermeisten, blöd wie sie sind, der Kategorie "Depp" zuordnen. Zur Erinnerung: Die Deppen sind meist die anderen. Da wandert einer den uralten Weg der Jakobspilger nach Santiago de Compostela an der spanischen Atlantikküste und schiebt dabei seine Plauze vorweg. Ein Mann auf der Sinnsuche. Das machen jährlich viele Millionen. So what?

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"Ich bin dann mal weg"

Wenn dieser Typ Hape Kerkeling (51) heißt, wird daraus eine Sensation. Der deutsche Anarcho-Komiker hat im Alter von 36 Jahren einen Hörsturz und eine Gallenblasen-OP hinter sich, als er im Sommer 2001 von Saint-Jean-Pied-de-Port zu seinem 769 Kilometer langen Marsch nach Santiago aufbricht. Über diese Reise verfasst Kerkeling das Buch "Ich bin dann mal weg". Ein Megabestseller, der 100 Wochen lang auf Platz 1 der Spiegel-Liste steht und über fünf Millionen Mal verkauft wird. Wenn das nicht nach einer Verfilmung schreit!

 

Hape Kerkeling wollte sich nicht selbst spielen

 

So kam an Heiligenabend - Achtung, Marketing-Gag! - der Film "Ich bin dann mal weg" in die Kinos. Und weil Hape nicht selbst den besinnlichen Kerkeling, der sein ganzes Leben Revue passieren lässt, spielen will ("Nein, mit dem Gesicht nicht mehr! Ich bin übers Datum drüber."), muss der Schauspieler Devid Striesow (42) ran. Er gibt den besten Hape Kerkeling aller Zeiten.

Striesow ist ein ausgesprochener Spezialist für schwierige Fälle. Der Charakterdarsteller brillierte als SS-Offizier Friedrich Herzog im österreichischen Film "Die Fälscher", der 2008 den Oscar "Bester fremdsprachiger Film" erhielt. Und im überwiegend schwachsinnigen "Tatort" des Saarländischen Rundfunks gibt einzig und allein Striesow als Hauptkommissar Jens Stellbrink dem wirren Geschehen ein bemerkenswert aberwitziges Profil.

Devid Striesow lebt mit seiner aus Kamerun stammenden Frau Francine und zwei Kindern in der Uckermark, der Heimat von Angela Merkel. Die ungewöhnliche Schreibweise seines Vornamens verdankt der gebürtige Rostocker seinen atheistischen Eltern, die sich bei der Namenswahl vom biblischen David bewusst absetzen wollten.

Nach einer Goldschmiedelehre und dem nachgeholten Abitur studierte Striesow zunächst Musik und anschließend an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Sein Abschlussjahrgang 1999 brachte ungewöhnliche Talente hervor, z.B. Lars Eidinger, Nina Hoss, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt und Maria Simon ("Polizeiruf 110"), mit der Striesow einen Sohn hat.

 

"Ich kann seinen Schmerz nicht spielen, ich kann nur meinen Schmerz spielen"

 

Wie aber spielt man Hape Kerkeling? "Ich hatte nicht den Ehrgeiz, Hape authentisch darstellen zu wollen", schreibt Striesow in einem Beitrag für den "Stern". "Sich ins echte Gefühlsleben einer lebenden Person hineinzudrücken, finde ich übergriffig. Das ist der Augenblick, in dem meine Fantasie und mein Spiel anfangen. Ich kann seinen Schmerz nicht spielen, ich kann nur meinen Schmerz spielen und dann hoffen, dass ich dem seinen zumindest nahekomme. An Hapes freundlicher Reaktion habe ich schon erkannt, dass es wohl ganz gut funktioniert hat."

Zehn Kilo hat er für die Rolle zugelegt, und er schreibt, dass der erste Drehtag "der Horror" war. "Ich habe mir vor vier Jahren das Rauchen abgewöhnt... Aber im Film musste ich rauchen... Wir mussten immerzu qualmen."

Obwohl Striesow nicht gläubig ist, doch das Gefühl hat, "dass es da eine große, allem übergeordnete Macht gibt", hat er für Kerkelings Gott- und "Selbstsucherabenteuer" ("Spiegel") eine gewisse Vorbildung: In Artur Honeggers Oratorium "Roi David" spielte er den von Gott auserwählten König David. Und in "Der Prediger" mimte er überzeugend einen Geistlichen, der darüber zu befinden hat, ob ein Frauenmörder (Striesows Klassenkamerad Lars Eidinger) Theologie studieren darf.

Bringt uns nun Kerkelings Selbstfindungsmarsch zum heiligen Fest die große Erleuchtung? Es sei eine "Gemüsebrühe für die Seele: wärmend, aber ein bisschen dünn", urteilt der "Spiegel" despektierlich. Und der Berliner "Tagesspiegel" stichelt mit dem Florett nach Hapes Aphorismen: "Nach philosophischen Blüten wie 'Pilgern tut weh', 'Auf dem Pfad der Erleuchtung tappe ich immer noch im Dunkeln' und 'Öffne dein Herz und knutsche den Tag' fehlt beim Zieleinlauf der vom Weg wie vom Leben gezeichneten, unverbrüchlich sympathischen Gladiatoren eigentlich nur noch 'Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei'."

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