Der Ruf der Wale - Filmkritik

Der Ruf der Wale
Drew Barrymore als Greenpeace-Aktivistin: Der Ruf der Wale

3,5 von 5 Punkten

Februar 2012: Ganz Deutschland bibbert und schlottert in eisigen Temperaturen, die Insel Wangerooge ist zwischenzeitlich gar wegen der sibirischen Kälte vom Festland abgeschnitten. Da ist ein Ausflug in den gut geheizten Kinosaal mit Sicherheit nicht das Schlechteste – vor allem, wenn man gemütlich vom Sessel aus sieht, wie andere im höchsten Norden des Globus frieren. Dass es hinsichtlich des Wetters nämlich noch viel extremer geht als hierzulande, zeigt ’Der Ruf der Wale’, der auf einer wahren Begebenheit basiert und komplett in Alaska gedreht worden ist. Denn dorthin richtete sich im Jahr 1988 für zwei Wochen die gesamte Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit.

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Adam Carlson (überzeugende Vorstellung: John Krasinski) dagegen ist zunächst weit davon entfernt, von Millionen von Zuschauern gesehen zu werden. Der Journalist berichtet aus Barrow im nördlichsten Zipfel Alaskas über wenig spannende Themen wie Avocados, aus denen im örtlichen mexikanischen Restaurant Guacamole hergestellt wird. Im Grunde ist er froh darüber, in ein paar Tagen aus dem Nest wieder verschwunden zu sein. Doch dann ereignet sich der heißersehnte Knüller direkt vor seiner Nase.

Als das Nordmeer nach dem Sommer in rasender Geschwindigkeit zufriert, wird eine Familie majestätischer Grauwale vom Eis eingeschlossen. Ohne fremde Hilfe wird auch ihr letztes Luftloch bald unter der Eisschicht verschwunden sein. Zunächst wird Adams Beitrag von seinen Kollegen belächelt. Bald stellt sich jedoch heraus, dass die hoffnungslose Lage der Wale auf ein enormes öffentliches Interesse stößt. Es dauert nicht lange, und Herscharen von rücksichtslosen Reportern, Schaulustigen und Helfern fallen über das kleine Kaff ein.

Unter ihnen ist auch Adams Exfreundin Rachel (großartig: Drew Barrymore), eine schroffe Greenpeace-Aktivistin. Während der Großteil der Neuankömmlinge noch mit zugefrorenen Toiletten überfordert ist, legt sie sich bereits mit den Einwohnern des Ortes an, die die Wale nach guter alter Art erlegen wollen. Und als wenn das nicht schon reichen würde, mischen bald auch noch ein Öl-Tycoon und sogar die US-amerikanische und die russische Regierung mit. Denn so eine Umwelt-Aktion ist gut fürs Image, da möchte sich jeder die Wal-Rettung auf die Fahnen schreiben.

John Krasinski
Reporter im Glück: John Krasinski

Erfreulicherweise hält sich Regisseur Ken Kwapis überwiegend an die tatsächliche Geschichte und schafft es, eine unnötig schmalzige Inszenierung bis auf wenige Ausnahmen zu vermeiden. Detailgetreu wird der Zuschauer mit Accessoires wie klobigen Walkmen, Kassetten und Schnurtelefonen ins Jahr 1988 zurückversetzt.

’Der Ruf der Wale’ zeigt eine ungewöhnliche Zusammenarbeit der unterschiedlichsten Gruppen und verbindet die Dramatik der Geschichte mit einem durchaus nüchternen Blick auf die unterschiedlichen und längst nicht immer ehrenhaften Beweggründe der Parteien. Dabei verkommt die Rettung der Meeressäuger jedoch nicht zur mahnenden Ozeandoku, sondern lebt zu einem großen Teil von den menschlichen Interaktionen. Die vielen unterschiedlichen Gruppen mit ihren eigenen Interessen und Kontroversen bringen Abwechslung in die 107 Minuten.

Vor allem Drew Barrymore und John Krasinski glänzen hier mit ausgezeichneten Darstellungen und bringen viel Witz ins Geschehen. Aber auch die Walpuppen sehen ausgezeichnet aus und sind dank eines Tauchgangs von Rachel nicht komplett von der Welt oberhalb des Eises abgeschnitten. Das Sahnehäubchen sind schließlich Originalsequenzen aus dem Jahr 1988, die im Abspann zu sehen sind und zeigen, wie die Charaktere wirklich ausgesehen haben.

Heraus kommt ein Film, der hervorragend für einen Kinobesuch mit der ganzen Familie geeignet ist und dank der FSK-0-Freigabe auch den kleineren Besuchern viel Freude bereiten dürfte. Alle anderen können allerdings auch getrost warten, bis der Film zu Hause über den Bildschirm flimmert.

Von Timo Steinhaus

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