'Der Hobbit: Smaugs Einöde' - Filmkritik

von
Hobbit Smaugs Einöde Martin Freeman Kritik
Da nützt alles Schleichen nichts: Bilbo (Martin Freeman) weckt den schlummernden Smaug

4,5 von 5 Punkten

Ganz zu Anfang von 'Der Hobbit: Smaugs Einöde' ist die Angst kurz wieder da. Thorin Eichenschild (Richard Armitage) kommt ins altbekannte Gasthaus 'Zum tänzelnden Pony'. Fliegt gleich die Tür wieder auf, und der Rest seiner Zwergen-Jungs kommt der Reihe nach hereinspaziert, um eine knappe Stunde lang fröhlich zu essen und zu rülpsen? Im ersten Teil von Peter Jacksons Hobbit-Trilogie zog sich der Einstand der singenden Zwerge doch ein wenig in die Länge. Doch damit ist jetzt Schluss.

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"Wir führen die Handlung sofort an der Stelle weiter, wo der erste Film endete", kommentiert der Regisseur seinen Verzicht auf eine Exposition. Umso spannender ist, wie die Filmcrew ein Kinderbuch mit 336 Seiten zu beinahe neun Stunden Film aufbläst. 161 Minuten davon entfallen auf 'Smaugs Einöde', in denen Peter Jackson endlich wieder zu alter 'Herr der Ringe'-Form aufläuft. Das liegt daran, dass die Erzählweise im Vergleich zum ersten Teil nicht nur straffer ist, sondern auch mit einer ordentlichen Ladung Action daherkommt.

Bilbo Beutlin (großartig wie schon im ersten Teil: Martin Freeman) und die 13 Zwerge sind weiterhin unterwegs zum ehemaligen Zwergenberg Erebor, den sich der Drache Smaug unter den Nagel gerissen hat. Unterwegs treffen sie auf den Gestaltenwandler Beorn (Mikael Persbrandt), der in seiner Bärenform schön was hermacht, verlaufen sich im Düsterwald mit ekligen, aber schön animierten Spinnen und werden schließlich von Waldelben gefangengenommen. Hier wirft Peter Jackson die Buchvorlage mal wieder über Bord: Der Zuschauer darf nicht nur ein Wiedersehen mit Legolas (Orlando Bloom) feiern, sondern sich obendrein über Eye-Candy in Form der hübschen Elb-Bogenschützin Tauriel (sehenswert: Evangeline Lilly, spielte in 'Lost' Kate Austen) freuen.

Dass in Tolkiens Vorlage von beiden Elben keine Rede ist, dürften eingefleischte Fans dem Regisseur und seinem Drehbuch-Team übel nehmen. Bei dem ganzen Testosteronüberschuss von Bilbo und der Zwergenbande tut es allerdings gut, mit einer anmutigen und starken Frau wie Tauriel einen weiblichen Gegenpol zu haben. Leider kann es Jackson aber auch hier mit der Romantik nicht lassen, denn die Elbin macht dem Zwerg Kili (Aidan Turner) schöne Augen. Und zu allem Überfluss ist auch noch Legloas in sie verliebt. Wer schon in Jacksons 'Herr der Ringe'-Verfilmung von der Schmonzette um Aragorn und Arwen genervt war, wird auch hier die Augen verdrehen.

Heißer Oscar-Kandidat: Das Warten auf Smaug hat sich gelohnt

Hobbit Smaugs Einöde
Tauriel (Evangeline Lilly) kommt in der 'Hobbit'-Buchvorlage nicht vor - macht aber nichts © James Fisher

Gandalf (Ian McKellen) ist unterdessen unterwegs zu einem mysteriösen Nekromanten, der Ork-Truppen versammelt. Dies verleiht 'Smaugs Einöde' einen deutlich düsteren Anstrich als dem Vorgänger. Nach einem Abstecher in die heruntergekommene Seestadt Laketown, in der ein Bogenschütze namens Bard (Luke Evans) den Zwergen weiterhilft, kommt dann aber das Highlight nach ungefähr zwei Stunden Filmzeit: der Drache Smaug (gesprochen von 'Sherlock Holmes'-Star Benedict Cumberbatch). Wie Dagobert Duck schlummert der in seinen angehäuften Goldschätzen tief im Inneren des Zwergenberges. Als Bilbo dort einen magischen Edelstein herausfischen soll, erwacht der Drache und zeigt sich endlich in seiner ganzen Pracht. Und die ist überwältigend: Die matten Schuppen, der Aufschlag des orange-gelben Schlangenauges oder das Wölben der goldschimmernden Bauchdecke vor einem Feuerstoß sind dermaßen brillant animiert, dass man sich nicht wundert, wenn Bilbo und die Zwerge manchmal staunend und glotzend stehenbleiben, obwohl sie eigentlich schnellstens die Flucht ergreifen sollten. Ein im wahrsten Sinne heißer Oscar-Kandidat.

Dass die Animationen des flüssigen Golds dagegen eher an Trickfilme denn an große 3D-Kunst erinnern und man das Make up manchmal dank der 48-Frame-Technik doch etwas zu stark sieht: geschenkt. Auch wenn er notgedrungen vom Original abweicht, liefert Jackson hier ganz großes Erzählkino, das den Vorgänger locker in den Schatten stellt und Vorfreude auf den dritten Teil weckt.

Von Timo Steinhaus

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