Der Baader Meinhof Komplex

Der Baader Meinhof Komplex

Von Mireilla Zirpins

Blanke Brüste, eingängige Dialoge und reichlich Schusswechsel - ziemlich sexy haben Bernd Eichinger (Drehbuch und Produktion) und sein Regisseur Uli Edel ihre Verfilmung von Stefan Austs Bestseller "Der Baader Meinhof Komplex" inszeniert. Poppig bunt verkleidet hetzen da prominente Schauspieler als schießwütige Terroristen durchs Bild als "Rote Action Fraktion". Hier wird ein bisschen gegen den Vietnamkrieg demonstriert, dort ein Arbeitgeberpräsident ins Auto gezerrt - fertig ist das Potpourri aus Protest, Propaganda und Polizeistaat, das manchmal so lückenhaft wirkt wie das Fotoalbum eines RAF-Veteranen.

Dabei fängt alles so gut an. Mit äußerst authentischem Zeitkolorit, viel Einfühlsamkeit und großer Intensität zeigt Edel die Ereignisse der Jahre 1967 und 68, die den politischen Boden für die Gründung der Roten Armee Fraktion im Jahre 1970 bildeten. "Ho Ho Ho Chi Minh" skandiert Sebastian Blomberg als Rudi Dutschke mit verblüffender Ähnlichkeit und viel Verve. Wenn beim Schahbesuch Jubelperser und Polizisten brutal auf die Demonstranten einprügeln, fühlt man sich mittendrin in der Studentenrevolte. Und die Wasserwerfer scheinen direkt ins Publikum gerichtet zu sein. Man vermag deutlich zu spüren, dass Edels Sympathie ganz auf der Seite der Revoluzzer ist, denn er hat diese Zeit selbst als Student erlebt.

Wenn er die Starkolumnistin Ulrike Meinhof, von Martina Gedeck nuancenreich und mit tiefem Verständnis verkörpert, wenige Schnitte später in einer Talkshow vom Polizeistaat sprechen lässt, hat man die beeindruckenden Bilder noch im Kopf, die dieser Behauptung Nachdruck verleihen. Spätestens jetzt muss jeder Zuschauer nachvollziehen können, warum sich so viele junge Menschen damals der Protestbewegung anschlossen. Der erschossene Benno Ohnesorg und das Attentat auf Rudi Dutschke (hier verübt vom etwas infantil und farblos wirkenden Tom Schilling) tun ein Übriges.

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Der Baader Meinhof Komplex

Und dann ist da natürlich das Charisma Ulrike Meinhofs, der bescheiden wirkenden bürgerlichen Intellektuellen, das den 68ern eine gewisse Seriosität verleiht. Ihren Wechsel zwischen Ruhe und Getriebenheit, ihre Zögerlichkeit beim Formulieren, ihre Ruhe und eine gewisse Umständlichkeit hat Martina Gedeck vortrefflich eingefangen und verleiht ihrer Figur damit die Tiefe, die ihr das Drehbuch manchmal einfach nicht geben will.

Ihren Mann Klaus Rainer Röhl verlässt sie im Film ganz platt, als sie ihn in flagranti mit einem blonden Busenwunder erwischt. Und der junge Stefan Aust (von Volker Bruch als schmieriger Jungjournalist mit Babyface und Pornobrille gespielt), der wohl nicht ganz zufällig eine unverdient große Rolle im Filmgeschehen spielt (der Ex-Spiegel-Chef fungierte als Drehbuchberater), sagt etwas simpel voller Bewunderung zu seiner "konkret"-Kollegin: "Dass du bei so was mitmachst…", als sie sich anschickt, Steine aufs Springer-Gebäude zu werfen.

Der Baader Meinhof Komplex

Auch die Führungsriege der ersten RAF-Generation wird ausnehmend charismatisch dargestellt. Das erklärt ein wenig den Appeal, der von den wilden jungen Systemkritikern ausging, die fast ein Jahrzehnt lang die Bundesrepublik mit ihren Terrorakten in den Ausnahmezustand versetzen sollten. Moritz Bleibtreu gibt seinen Baader vielleicht etwas zu sanft, aber ausnehmend kraftvoll und sexy. Und Johanna Wokalek ist als seine Dauerfreundin Gudrun Ensslin zwar eiskalt, aber auch unglaublich feminin und gut aussehend mit ihren fingerdick geschminkten Smokey Eyes.

Wenn die Ensslin nach dem Frankfurter Kaufhausbrand im Knast Ulrike Meinhof mit glühendem Enthusiasmus in den Augen für den bewaffneten Kampf anfixt, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Genauso wie in einer anderen starken Szene der beiden, in der Gudrun Ensslin nur gefühllos die Achseln zuckt, dass sie ihr Kind aufgegeben hat, um in den Untergrund zu gehen. "Also, ich könnte meine Kinder nie verlassen", sagt Ulrike Meinhof da im Brustton der Überzeugung. Dass man weiß, dass ihre Zwillinge wenig später beinahe in einem palästinensischen Waisenhaus gelandet wären, macht die Szene zwischen den beiden RAF-Müttern nur noch intensiver.

Doch dieses Prinzip wird dem Film im weiteren Verlauf immer mehr zum Verhängnis. Immer atemloser werden die historischen Ereignisse abgehakt, immer schneller folgen große Ereignisse wie die Ponto-Ermordung oder die Schleyer-Entführung aufeinander. Nicht mehr jeder RAF-Akteur wird namentlich eingeführt. Auf einmal ist die zweite Generation der Rote-Armee-Fraktion da, und während man sich noch daran gewöhnt, dass Brigitte Mohnhaupt nun das liebe Gesicht von Nadja Uhl hat und sich fragt, welcher der Jungs gerade Christian Klar war, ist Siegfried Buback schon tot.

Der Baader Meinhof Komplex

Als Geschichtsstunde für Schüler, die den Film nicht mit einer Unterrichtsreihe begleiten, taugt „Der Baader Meinhof Komplex“ gewiss nicht. Zu elliptisch wird hier erzählt, zu hastig Historie abgehakt. Wohl dem, der seine Geschichtslektion gelernt hat. Doch was kann dieser Film einem Zuschauer Neues bieten, der weiß, welche der Protagonisten am Ende des Deutschen Herbstes noch am Leben sein werden? Eine eigene Akzentuierung der Ereignisse vielleicht? Das versucht Eichingers Drehbuch erst gar nicht. Hier werden Fakten aneinandergereiht oder zumindest behauptet. Es werden Anmutungen nachgeliefert für das, was damals in der „Tagesschau“ an Bildern fehlte: Die Knarre an Hanns Martin Schleyers Schläfe, die Stadtguerilla bei den Palästinensern.

Und eine politische Haltung leisten sich die Macher schon gar nicht. Auch wurde mehr Wert gelegt auf die authentische Ausstattung, die wirklich großartig gelungen ist, als auf die Darstellung des politischen Kontexts. Wie die Angst vor Terroristen eine gute Gelegenheit für manche war, um die Freiheitsrechte der Bürger einzuschränken? Dass die im Film erst umfangreich eingeführte Rasterfahndung bei der Schleyer-Entführung rein gar keinen Ermittlungserfolg brachte, sondern sich die Polizei bis auf die Knochen blamierte? Das alles hatte keinen Platz mehr in den vollgepackten 150 Minuten. Aber ganz ehrlich: Dafür wären wir gern noch ein paar Minuten länger geblieben.

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Galt ihre Zuneigung am Anfang ganz der Studentenrevolte, scheinen sich Eichinger und Edel selbst den Zwang auferlegt zu haben, die RAF bloß nicht zu sympathisch erscheinen zu lassen. Das funktioniert allerdings nicht ganz, denn Baader hat einfach nun mal weiter die sanften Augen von Moritz Bleibtreu, sooft er seine Mitstreiterinnen auch als „Fotzen“ abqualifizieren mag. Edel versucht die Brutalität durch einen großen Blei- und Blutanteil wieder wettzumachen, wirkt dabei aber immer unentschlossen. Die großmundig versprochene Entmystifizierung der RAF bleibt aus. Aber die braucht auch gar nicht jeder.

Etwas mehr Feingefühl bei der Figurenzeichnung hätte man sich vielleicht gewünscht, etwas mehr über Beweggründe erfahren. So bleibt vieles an der Oberfläche. Und man hat das Gefühl, dass jede Gelegenheit genutzt wurde, das Ganze möglichst sexy zu verkaufen. Da sitzt Ulrike Meinhof in der ersten Einstellung nackt im Strandkorb am FKK-Strand von Sylt, während ihr Gatte lüstern anderen Frauen auf die Auslagen schaut, Peter Jürgen Boock steigt zu Gudrun Ensslin in die Badewanne („diese Szene ist verbürgt“, versichert Eichinger), und Andreas Baader schreit theatralisch im palästinensischen Trainingscamp „Ficken und Schießen sind ein Ding!“, während seine sonnenbadenden Mitstreiterinnen die verklemmten El-Fatah-Aktivisten mit ihren blanken Brüsten schockieren.

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Mit solchen eher belanglosen Szenen muss sich manches bekannte Gesicht aus der ersten deutschen Schauspielgarde zufrieden geben. Stars wie Alexandra Maria Lara (als Terroristin Petra Schelm) oder Heino Ferch (als Horst Herolds BKA-Assistent Dietrich Koch) sind bessere Stichwortgeber, Jasmin Tabatabai darf kaum Sprechdialog aufsagen, und auch Niels Bruno Schmidt als Jan-Carl Raspe hat keine wirklich großen Szenen. Immerhin Stipe Erceg fällt positiv als Holger Meins auf, nicht nur, weil er ihm so ähnlich sieht, und auch Hannah Herzsprung macht ihre Sache als zweifelnde Susanne Albrecht in ihren wenigen Auftritten gut. Bruno Ganz darf sich als Ober-Rasterfahnder Horst Herold so richtig austoben, erinnert aber mit seiner Steifheit und seinem Sprachduktus manchmal leider ein bisschen zu sehr an seinen onkeligen Hitler aus „Der Untergang“.

Alle anderen dürfen vorwiegend ein paar ideologielastige Phrasen dreschen – so wie Anna Thalbach als Ingrid Schubert und Katharina Wackernagel als Astrid Proll. Das wirkt umso hölzerner, als die Ereignisse immer schneller durchgehechelt werden. Geht das am Anfang noch im Dekofieber der Ausstatter unter, gerinnt im akribisch nachgebauten Hochsicherheitstrakt von Stammheim alles zum Kammerspiel. Da können auch Martina Gedeck und Johanna Wokalek die Künstlichkeit nicht mehr wegspielen. Aber auch hier hilft es, dass die Kamera schnell bei der nächsten gut gemachten Actionszene ist. So bleibt „Der Baader Meinhof Komplex“ eine oberflächliche Popcorn-Geschichtsstunde, die handwerklich zwar hübsch gemacht ist, sich aber so fein aus allem heraus hält, dass sie keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.

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