'Deepwater Horizon' mit Mark Wahlberg: Bildgewaltiger Katastrophenfilm

"Deepwater Horizon": Dinosaurier lassen sich nicht zähmen
Mike Williams (Mark Wahlberg) und die restliche Besatzung der "Deepwater Horizon" gehen buchstäblich durch die Hölle © STUDIOCANAL GMBH/ David Lee, SpotOn
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Habgier gegen Natur

Die größte Umweltkatastrophe durch Menschenhand. Geschätzte 800 Millionen Liter Erdöl strömten ins Meer. Ein Ölteppich mit einer Fläche größer als England. Knapp 62 Milliarden Euro Schaden für den britischen Konzern BP. Die Explosion auf der Bohrinsel "Deepwater Horizon" am 20. April 2010 und die anschließende Ölpest wurden bislang gerne mit blanken Zahlen und Superlativen beschrieben. Regisseur Peter Berg hingegen widmet seinen bildgewaltigen Film all denjenigen, die bei der medienwirksamen Suche nach den Schuldigen am Desaster beinahe in Vergessenheit geraten sind. Er widmet "Deepwater Horizon" den 126 Männern und Frauen, die am Unglückstag um ihr Leben kämpfen mussten - und den elf von ihnen, die es verloren haben.

Kein normaler Tag in der Arbeit

Mike Williams (Mark Wahlberg) sitzt vergnügt mit seiner Tochter im Grundschulalter am Frühstückstisch. Die Kleine soll ein Referat über die spannende Arbeit ihres Vaters halten und geht noch einmal alle Details mit ihm durch. Immerhin, scherzt Williams, zähme er Dinosaurier. Seit 65 Millionen Jahren tote und durch immensen Druck zu Erdöl gewordene Dinosaurier. Doch als Tochter Sydney mit einer Coladose den Bohrvorgang demonstrieren will, geht etwas schief. Als zu gut durchgeschüttelt entpuppt sich das Getränk und setzt in einer großen Fontäne die Küche unter Wasser. Papa und Mama finden das zum Schreien komisch.

Wenige Stunden später schweift der sorgenvolle Blick des blutüberströmten Cheftechnikers durch die Gänge der Öl-Plattform. Eine gigantische Explosion als Folge eines sogenannten "Blowouts" hat gerade die "Deepwater Horizon" erschüttert. Über die immense Auswirkung ist sich der traumatisierte Familienvater zunächst noch nicht im Klaren. Die gesamte Bohrinsel steht zu diesem Zeitpunkt bereits in Flammen, der Besatzungsteil im Inneren der Bohrkammer lebt nicht mehr. Als Williams nach verwundeten Kollegen Ausschau hält und versucht, die "Deepwater Horizon" so lange wie möglich funktional zu halten, kreist eine Frage immer wieder durch seinen Kopf: wird er seine Familie je wiedersehen?

Ein Film, zwei Hälften

So unterschiedlich die Gefühlslagen des Hauptprotagonisten Mike Williams in den angesprochenen Szenen, so verschieden präsentieren sich die beiden Hälften des Films. Die zuständigen Drehbuchautoren müssen früh nach ihrem Engagement realisiert haben, dass die wenigsten Zuschauer wirklich Ahnung davon haben können, wie genau das Bohren nach Öl funktioniert, geschweige denn wie es zu einem "Blowout" wie bei der "Deepwater Horizon" kommen kann. Daher nimmt sich der Film vor dem Katastrophen-Teil viel Zeit, die alltägliche Arbeit und das Leben auf einer Bohrinsel darzustellen. Aber auch die Figuren wollen vorgestellt werden: neben Williams etwa der respektierte Fachmann Jimmy Harrell (Kurt Russell) oder Sicherheitsfrau Andrea Fleytas (Gina Rodriguez), die allerdings (ähnlich wie John Malkovichs Figur Donald Vildrine) nicht allzu viele Chancen bekommt, sich auszuzeichnen. Und dann wäre da natürlich noch Kate Hudson - erstmals mit ihrem Stiefvater Russell in einem Film vereint - als Williams' Frau Felicia.

Weil nun aber nichts gestellter wirkt, als zwei Experten, die sich gegenseitig ihren Job erklären, um so den Zuschauern eine Lehrstunde zu erteilen, ist der Kniff mit Williams' Tochter und dem Referat durchaus raffiniert gewählt. So erklärt ein kleines Mädchen mit einfachen Worten das Nötigste darüber, wie eigentlich das Zeug ans Tageslicht gefördert wird, mit dem wir tagtäglich unser Heim heizen oder aufbereitet in unser Auto pumpen. Wenn sich vor und nach der Katastrophe schließlich die Arbeiter Fachbegriffe um die Ohren hauen, versteht das Publikum selbstredend trotzdem nicht alles, Berg hält aber gekonnt die Waage zwischen authentischem Fachsimpeln der Protagonisten und Verständlichkeit für den Zuschauer.

Das Grauen perfekt eingefangen

Mangelnde Bereitschaft, für eine realistische Darstellung der Katastrophe das nötige Kleingeld springen zu lassen, kann man den Produzenten des Films nicht unterstellen. Extra für "Deepwater Horizon" wurde ein 85 Prozent großer Nachbau der Bohrinsel in einem gigantischen Wassertank angefertigt. Es soll eines der größten Sets sein, die je für einen Streifen gebaut wurden. Nicht zuletzt dank dieses Aufwands, sondern auch Filmemacher Bergs Bereitschaft, so weit es eben geht auf echte und nicht am Computer generierte Effekte zu setzen, ist der Zuschauer mittendrin im Chaos: man spürt förmlich den Druck, mit dem das herausplatzende Öl die Männer in ihr Verderben jagt, oder die Hitze des Flammeninfernos, durch das sich die Überlebenden kämpfen müssen.

Zum angesprochenen Realismus zählt aber natürlich auch, dass Chaos chaotisch ist. Und so fällt es nicht immer leicht, die blut- und ölverschmierten Figuren auseinanderzuhalten, sieht man von den drei Hauptcharakteren ab. Dieser Realismus geht allerdings in manchen Szenen auf Kosten der emotionalen Bindung der Zuschauer, wenn im Tohuwabohu so gar nicht auszumachen ist, welcher Protagonist gerade sein Leben verloren hat. Ein wenig erinnert das an Baltasar Kormákurs Film "Everest", als viele dick eingekleidete Bergsteiger im Schneesturm auf dem höchsten Berg der Welt ihr Ende fanden, man aber gar nicht erkennen konnte, wer nun genau.

Wahre Begebenheiten?

Die Tatsache, dass Mike Williams selbst als Berater für den Film gewonnen werden konnte, spricht für die Authentizität des Streifens. Natürlich dramatisiert Berg hier und da, insgesamt wurde aber darauf geachtet, das Unglück so wahrheitsgetreu wie möglich darzustellen. Einzig in der Form der Schuldzuweisung legt sich "Deepwater Horizon" eher fest, als es in der echten Aufarbeitung der Fall war. Damals gaben sich die Firmen BP America, Transocean und Halliburton jeweils gegenseitig die Schuld. Der Film hingegen weist die Verantwortung für die Tragödie in Person von Vildrine (Malkovich) eindeutig BP zu.

Schon in seinem Film "Lone Survivor" hat sich Berg einer wahren Begebenheit angenommen und Wahlberg die Hauptrolle anvertraut. Wenn auch nicht inhaltlich, erzählerisch gleichen sich die Filme durchaus. In keinem der beiden versucht er Spannung mit der Frage aufzubauen, ob die Hauptfigur lebendig aus der Katastrophe hervorgehen wird - mit einem Audioschnipsel zu Beginn von "Deepwater Horizon" zeigt er Unwissenden gleich auf, dass Williams an besagtem Tag nicht zu den elf Toten gehörte. Nicht die Frage "überlebt er?" ist hier für den Spannungsbogen zuständig, sondern ihr Pendant "verdammt nochmal wie?" Und das durchaus effektvoll.

Fazit:

"Deepwater Horizon" ist in seinem zweiten Part ein Katastrophenfilm alter Schule, angesichts des wahren Hintergrunds aber dennoch nicht nur für Fans dieses Genres ein Blick wert. Ähnlich James Camerons "Titanic" nimmt sich der Film vor dem drohenden Unheil aber viel Zeit, das Setting vorzustellen und dem Zuschauer die handelnden Charaktere ans Herz zu legen. Die Action ist zwar zuweilen etwas chaotisch, doch damit umso realistischer - die Hölle auf Erden ist nun mal nicht übersichtlich.

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