David Finchers Verblendung Filmrkitik

David Finchers Verblendung Filmrkitik
© dpa, Sony Pictures Releasing GmbH

4 von 5 Punkten

Wer, außer Kultregisseur David Fincher (‚The Social Network‘), der schon mit Gänsehaut-Thrillern wie ‚Sieben‘ oder ‚Zodiac‘ sein Faible für dunkle Mordgeschichten auslebte, wäre besser geeignet für die filmische Amerikanisierung von Stieg Larssons ‚Millennium‘–Trilogie? Wenn er es sich zur Aufgabe macht, einen Bestseller erneut zu verfilmen, der sich seit seinem Erscheinen 2005 millionenfach verkaufte und es auch als Film zum weltweiten Hit schaffte, verstummen selbst hartgesottene Remake-Gegner und sehen dem Kinostart von ‚Verblendung‘ mit Spannung entgegen. Leider hat sich Fincher damit aber ziemlich viel Ballast aufgehalst. So ist seine Neuinterpretation des schwedischen Verkaufsschlagers dank eines wesentlich dickeren Produktionsbudgets zwar besser als der Vorgänger von Niels Arden Oplev, bleibt aber knapp hinter den geschürten Erwartungen zurück. Und wie machen sich Rooney Mara als Lisbeth Salander und Daniel Craig als Mikael Blomkvist?

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Den meisten dürfte die Geschichte bereits bekannt sein: Investigativ-Journalist Mikael Blomkvist (der amtierende ‚James Bond‘-Darsteller Daniel Craig) wird vom Unternehmer Henrik Vanger (wie zu erwarten auch in seinen wenigen Szenen fabelhaft: Christopher Plummer, zuletzt in ‚Beginners‘ und ‚Das Imaginarium des Doktor Parnassus‘) angeheuert, den mysteriösen Fall seiner Nichte Harriet aufzuklären, die seit bereits 40 Jahren spurlos verschwunden ist. Als Blomkvist die Uraltgeschichte aufrollt, sucht er Hilfe bei Lisbeth Salander, einer anarchistisch-rebellischen Gothic-Göre, die das Talent hat, sich nach Lust und Laune in jeden Computer einzuhacken, der sie interessiert. Schon bald finden die beiden die erste Spur seit Jahrzehnten und bringen sich damit in Gefahr…

Sehenswert, aber etwas unpersönlich

David Finchers Verblendung Filmrkitik

Mit Daniel Craig hat man sich als Zugpferd das richtige Hollywoodschwergewicht ins Boot geholt, das sich zum Glück dezent zurücknimmt, um seiner Kollegin Rooney Mara (‚The Social Network‘, ‚A Nightmare on Elmstreet‘) genügend Spielraum zu lassen. Den nutzt sie brillant aus, um ihre verstörte und verstörende Figur komplex zu entfalten. Die Präsenz der 26-Jährigen ist so intensiv wie überzeugend. Ihr kindliches Gesicht mit den hohen Wangenknochen, dem punkigen Kurzhaar, den Piercings und den gebleichten Augenbrauen, die ihr endgültig den Look des anorexischen Drogenopfers verpassen, kommt der Lisbeth Salander aus dem Buch näher als die etwas zu erwachsene Noomi Rapace. Mara bringt die zerbrechliche, tief verletzte und verängstigte Seite des Opfers von menschlichen Abgründen in eine hervorragende Balance mit der abgebrühten, brutalen, kalten und direkten Schnüfflerin.

Den Vergleich mit Rapace muss sie nicht scheuen. Ihr ohrenbetäubendes Schreien in der Vergewaltigungsszene wird bei den Oscar-Nominierungen sicher nicht übergangen werden. Daniel Craig passt rein optisch ebenfalls besser in die Rolle des Blomkvist als sein Vorgänger Michael Nyqvist und versprüht gekonnt den Charme des Frauenhelden. Zwar erscheint seine Figur in dem gefährlichen Umfeld des Vanger-Clans wenig ängstlich und etwas zu selbstsicher, dennoch schafft Craig es, sich von den Assoziationen mit James Bond zu lösen.

Fincher ist mit seiner brutal voyeuristischen, technisch ausgefeilten und atmosphärisch dichten Neuverfilmung des schwedischen Buchhits des Jahrzents dem Stoff größtenteils gerecht geworden. Doch er ist ein Perfektionist, ein Techniker. Und gerade das führt zu ein paar Enttäuschungen für den Zuschauer:

Es fehlt dem Film – die Performance von Rooney Mara ausgenommen – an Emotion und Persönlichkeit. Die Beziehung zwischen Salander und Blomkvist bleibt meist so unterkühlt wie die schön fotografierten schwedischen Landschaften. Nach ihrem ersten Treffen steuert der Film leicht lieblos und unkreativ auf das Ende hinzu, hinterlässt keinen derart bleibenden Eindruck wie andere Werke Finchers. Schließlich erinnern wir uns noch immer an das Paket, das Brad Pitt am Ende von ‚Sieben’ empfängt, noch immer haben wir den gelben Gummihandschuh vor Augen, mit dem er als Tyler Durden Helena Bonham Carter in ‚Fight Club‘ penetriert. Direkt nach der Vorstellung wird man sich vielleicht noch an Rooney Maras grausigen Blick erinnern, wenn sie ihrem angeketteten Peiniger den fetten Schwabbelbauch tätowiert. Nächstes Jahr vielleicht nicht mehr. Dann ist ‚Verblendung‘ bloß ein weiterer (nichtsdestoweniger empfehlenswerter) Film in Finchers Oeuvre. Schade.

Von Mihaela Gladovic

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