David, Donny, ein Bowie-Musical - und letzte Songs

Donny McCaslin
Donny McCaslin stand David Bowie sehr nahe. Foto: Label © deutsche presse agentur
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Donny McCaslin darf das - von Ruhm und Aura des toten David Bowie profitieren. Immerhin war der Saxofonist maßgeblich am letzten Album des Rock-Superstars beteiligt - an "Blackstar", einem so furchterregenden wie fantastischen musikalischen Vermächtnis.

Zwei Tage nach Veröffentlichung der Platte, die als eine der besten in Bowies Lebenswerk gilt, starb der große Sänger und Sounderfinder am 10. Januar mit 69 Jahren.

Der bis dahin nur Jazz-Insidern bekannte McCaslin musste plötzlich nicht nur die Entstehungsgeschichte von "Blackstar" erklären (was er schon vorher einige Male sehr bescheiden und sympathisch getan hatte), sondern auch das ganz besondere Verhältnis zu seinem Kurzzeit-Boss.

"Es war wie ein Traum - außer dass ich von so etwas nie hätte träumen können", schreibt der 50-Jährige jetzt zu seinem neuen Album "Beyond Now" (Motéma/Membran) über die kreativen Monate im vorigen Jahr. "David Bowie war ein visionärer Künstler, dessen Großzügigkeit, kreativer Geist und Furchtlosigkeit bei mir sein wird für den Rest meines Lebens. Diese Platte ist ihm gewidmet und allen, die ihn geliebt haben." In einem "Guardian"-Interview zeigte sich McCaslin kürzlich immer noch erschüttert: "Wir hatten diese erstaunliche Verbindung, und dann war er plötzlich weg."

Hört man das gut einstündige Album, so wird schnell klar, warum McCaslin (Saxofon, Flöten, Klarinette) sowie seine Mitstreiter Jason Lindner (Keyboards), Tim Lefebvre (Bass) und Mark Guiliana (Schlagzeug) den zurückgezogen in New York lebenden Weltstar so fasziniert haben. Bowie entdeckte das Quartett im Jazzclub "55 Bar" und nahm schon bald restlos begeistert Kontakt auf. Aus den Sessions entstand unter der Regie von Bowie-Produzent Tony Visconti ein Album, das Pop und Rock mit Jazz und Avantgarde versöhnte. McCaslins abenteuerliche Saxofon-Soli standen dabei im Mittelpunkt eines monumentalen Klangbildes.

Das ist auf "Beyond Now" nicht anders. Wer mit den teilweise ohne Refrains auskommenden Songstrukturen von "Blackstar" schon fremdelte, könnte jetzt erst recht seine Probleme haben. Denn dies ist moderner, wuchtiger Jazz-Rock mit sehr freien Elementen - noch weniger leicht konsumierbar als die letzten Bowie-Tracks.

Wer sich aber darauf einlässt, wird reich belohnt: "Beyond Now" ist ein großartiges, von unfassbar virtuosen Musikern eingespieltes, gewaltig groovendes Werk - und mit Sicherheit eine würdige Hommage. Zumal es mit "Warszawa" (einem Instrumental aus dem Berlin-Album "Low" von 1976) und "A Small Plot Of Land" (aus "Outside" von 1995) zwei hoch spannende Bowie-Coverversionen enthält. Aber auch die sieben anderen Stücke - fünf von McCaslin selbst komponiert - sind fabelhaft.

Wer vermutet oder gehofft hatte, dass es doch bitte mehr Material von Bowie und der McCaslin-Band geben müsste als nur die sieben "Blackstar"-Tracks, kann sich jetzt bestätigt fühlen. Fündig werden Fans auf dem "Original Cast Recording" zu "Lazarus" (Sony) - also dem Musical, dessen New Yorker Uraufführung im Dezember 2015 der Meister noch miterlebte. CD Nummer 2 enthält vier Stücke - das bereits bekannte, voller Todesahnungen steckende "Lazarus", aber auch drei unbekannte Songs aus den letzten Sessions. Und die sind allein schon das Geld für dieses Doppelalbum wert.

"No Plan" ist eine schwermütige Ballade, wie sie nur der späte Bowie singen konnte - der Song erinnert an "Where Are We Now?", die Berlin-Reminiszenz vom "Blackstar"-Vorgänger "The Next Day" (2013). Das von einem gefühlvollen McCaslin-Solo verzierte Lied hätte definitiv auch das diesjährige Abschiedswerk noch weiter veredelt. "Killing A Little Time" ist ein Gitarrenrock-Track, in dem wieder einmal die ungebrochene stimmliche Präsenz des bereits todkranken Bowie beeindruckt. Das elektronisch aufgeladene, etwas zerfaserte "When I Met You" schließlich hat noch am ehesten Outtake-Qualität - hier lässt sich zumindest erahnen, warum Bowie den Track nicht für "Blackstar" auswählte.

Musical-Fassungen von Bowie-Liedern aus 45 Karrierejahren sind derweil Geschmackssache - nicht jeder Fan möchte "Heroes", "Life On Mars?", "Absolute Beginners" oder "Changes" von einer Broadway-Crew vorgesungen bekommen. Für die einen mag das eine angemessene Bowie-Würdigung in einem Theater-Handlungsrahmen sein (der immerhin vom bekannten irischen Bühnenautor Enda Walsh stammt). Für andere ist es dagegen nur peinliche Karaoke.

Die prominente New Yorker Besetzung mit dem Schauspieler Michael C. Hall ("Dexter") in der Hauptrolle sowie der jungen Sophia Anne Caruso und Charlie Pollock macht ihre Sache als Musical-Performer und -Sänger freilich sehr gut, die Band spielt erstklassig. Die Studioaufnahmen für das "Lazarus"-Album setzen einen Schwerpunkt bei den neueren Alben, auch die drei bislang unbekannten späten Songs gehören zu einem sehr ambitionierten Musical-Repertoire. Die Recording-Sessions fielen auf den Tag nach Bowies Tod, den 11. Januar - sie klingen besonders emotional und dramatisch.

Derzeit gastiert die US-Musical-Truppe mit "Lazarus" übrigens am King's Cross Theatre - in Bowies Geburtsstadt London. Da schließt sich der Kreis.

Konzerte Donny McCaslin: 7.11. Zürich, 8.11. Berlin


Quelle: DPA
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