David Cronenbergs 'Eine dunkle Begierde'

David Cronenbergs 'Eine dunkle Begierde'
© dpa, Universal Pictures

3,5 von 5 Sternen

Mit Sexszenen ist Keira Knightley bislang äußerst zurückhaltend gewesen, zeigte höchstens mal eine nackte Brust. Im neuen Film von David Cronenberg jedoch lässt sie sich bei Sado-Maso-Spielchen mit einem Lederriemen verdreschen. Das wirkt leider ein bisschen komisch, denn in dem Kostümfilm über die Männerfreundschaft von Siegmund Freund und C.G. Jung wird ansonsten hauptsächlich geredet.

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Geredet, weil es hier um die Anfänge der Psychoanalyse geht. C.G. Jung, gespielt vom Shooting-Star Michael Fassbender ('Inglourious Basterds'), ist der vielleicht vielversprechendste Anhänger Siegmund Freuds (bekommt unter seiner dicken Maske leider keine Entfaltungsmöglichkeiten: Viggo Mortensen). Als er 1904 in seiner Klinik in Zürich die schwer verstörte Patientin Sabina Spielrein (Knightley) zu therapieren versucht, verstößt er gegen die Prinzipien der Zunft und beginnt eine Affäre mit der jungen Frau, mit der er die Zuneigung seines väterlichen Lehrers Freud aufs Spiel setzt.

Leider meint es Keira Knightley zu gut mit ihrer Darstellung einer sexuell Obsessiven: Sie zappelt, was das Zeug hält und streckt ihren Kiefer so weit raus, dass man als Zuschauer Angst bekommt, sie könne ihn sich ausrenken – ein klassischer Fall von 'Overacting', beseelt vom Wunsch nach einem Oscar. Das kann man nur mühsam wieder vergessen, als Fräulein Spielrein in der Folge etwas zu schnell durch ein bisschen Sex mit dem netten jungen Doktor von allen ihren Ticks befreit wird und Keira Knightley endlich zu einem wohldosierten und glaubhaften Spiel findet. In Michael Fassbender hat sie hierfür einen würdigen Partner.

Zuschauer wird auf Distanz gehalten

David Cronenbergs 'Eine dunkle Begierde'
© dpa, Universal Pictures

Der deutschstämmige Brite gibt den erfolgsverwöhnten Arzt sehr nuanciert und subtil. Unter der gefälligen Oberfläche brodelt ein aufrührerischer Geist, der gegen die Ideen seines Lehrmeisters und gegen gesellschaftliche Zwänge rebelliert. Dazu wird schnell klar, dass er ein Problem damit hat, von seiner äußerst unterwürfigen und überaus fruchtbaren bildschönen Gattin (Sara Gadon) finanziell abhängig zu sein.

Während Viggo Mortensens Potenzial als alternder Freud kaum genutzt wird, darf ein weitere guter Bekannter von Cronenberg, Vincent Cassel, als weiterer Psychoanalytiker Dr. Otto Gross genüsslich die Verklemmtheit der beiden Koryphäen bloßstellen. Er vögelt alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist und tut begeistert kund, dass Selbstbeschränkung schädlich fürs Seelenheil sei. Dann verschwindet er allerdings etwas zu abrupt aus der Geschichte.

Das ist überhaupt eins der großen Probleme von Cronenbergs filmischer Gesprächstherapie: Die Dramaturgie ist etwas blutarm, am besten ist der Film nicht in seinen Liebesszenen, sondern bei den Verbalduellen der Nervenärzte. Die schönen Bilder wirken dabei jedoch so nüchtern-distanziert, wie ein Therapeut gegenüber seinem Patienten bleiben sollte. Das funktioniert aber in einem Spielfilm nicht, in dem der Zuschauer nach einer emotionalen Identifikationsfigur sucht. So bleibt man seltsam unbeteiligt, nicht nur, wenn Keira Knightley den nackten Hintern versohlt bekommt.

Von Mireilla Zirpins

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