Compilation "Electri_city 2": Wir denken digital

Wolfgang Riechmann
Wolfgang Riechmann hat mit "Wunderbar" ein zeitloses und wunderschönes Album hinterlassen. Foto: Grönland © DPA

Nicht Berlin, nicht Hamburg, nicht München - in den 70er Jahren war Düsseldorf mit Abstand die schickste und vielleicht coolste Stadt der Republik. Hier strahlte das Neonlicht heller, hier gab es Eleganz und hier entstand eine Zeit lang die aufregendste Musik, die Deutschland auf die Pop-Weltkarte hievte.

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Eine Handvoll Nerds und Frickler, nicht selten verschrobene und recht eigenwillige Typen, die an mitunter seltsamen Geräten Knöpfchen drehten und den Maschinen und ersten Synthies aufregende Töne entlockten, "erfanden" hier die elektronische Pop-Musik. Die Neugierde war riesengroß, Grenzen gab es keine.

Der Sampler "Electri_city" (Grönland), der vor zwei Jahren erschienen ist, vermittelte bereits einen wunderbaren Einblick in das Kreativzentrum der Rheinmetropole, das bis heute ausstrahlt. Neu!, Michael Rother, Wolfgang Riechmann, La Düsseldorf, Harmonia: Alles klangvolle Namen und außergewöhnlich visionäre Musiker, die mit ihrer schwebenden Elektronik-Musik eine neue Welt eröffneten. D.A.F., Der Plan oder Die Krupps, die schließlich auf erschwingliche Synties (Korg MS-20) bauen konnten, zündeten in der Punk-Euphorie die nächste Stufe.

"Es gibt ja diesen Ausdruck von der Stunde null, so habe ich mich musikalisch gefühlt", sagte Michael Rother in Rüdiger Eschs Interview-Buch "Electri_City", das die Düsseldorfer Szene in all ihrer Pracht profunde vorstellt - die Bibel für alle Digitalisten.

Die Lust am Neuentdecken, Wiederhören und Staunen befriedigt jetzt die Fortsetzung "Electri_city 2". Kraftwerk, die in Düsseldorf gleichermaßen Zentrum und Peripherie waren, sind auch diesmal nicht dabei. Die "Mensch-Maschinen" sind ihr eigener Planet und tief mit der Musealisierung ihres immens einflussreichen Oeuvres beschäftigt.

Sei's drum, aber auch so hat "Electri_city 2" genug zu bieten: Wie könnte man die Compilation besser beginnen lassen als mit Wolfgang Riechmanns "Abendlicht". Der Rhythmus ist ein einfaches "plopp" über das sich eine schwebende Keyboardfläche legt, aus der sich eine leicht melancholische Melodie erhebt. Zauberhaft. Hier sei allen auch noch einmal das traumhafte Riechmann-Album "Wunderbar" (1978) empfohlen, dessen Veröffentlichung der Musiker nicht mehr erlebte. Er starb in Düsseldorf durch eine Messerattacke.

Das Schwebende trägt auch die Musik von Neu!, deren Song "Isi" drei Jahre früher entstand, auch wenn der Kern fester und das Lied durch einen starken Rhythmus und die Gitarre in sich kompakter ist. Auf die Neue Deutsche Welle verweisen Rheingold mit "Fluss". Aus Krautrock ist endgültig Elektro-Pop geworden - und sie finden die richtigen Worte, die gut die Düsseldorfer Szene erfasst: "Wir, wir bauen auf Platinen und wir denken digital."

David Bowie hat die Musik aus Düsseldorf aufgesogen und daraus sein eigenes Ding gemacht. Und wie in einem Spiegel geblendet strahlt die Musik nach Düsseldorf zurück. Dafür mag Robert Görls Song "Darling Don't Leave Me" stehen, zu dem Annie Lennox von den Eurythmics die Vocals beisteuerte.

Von kraftvoll (Die Krupps) und schräg (Teja Schmitz), von schwer experimentell (Pyrolator) bis verspielt (Topolinos) und absurd (Der Plan) reicht die Bandbreite. Und natürlich dürfen auch La Düsseldorf nicht fehlen, die Band von Klaus Dinger (1946-2008) - ein schwieriger Mensch und großer Visionär, der zuvor bei Kraftwerk und Neu! war. Natürlich ist ihr Song "La Düsseldorf" die Hymne auf die Stadt, die die Welt bewegt hat.


dpa
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