Cloud Atlas: Bunter Schauspieler-Karneval in einem Film der Superlative

Filmkritik zu Cloud Atlas mit Tom Hanks
Cloud Atlas: Bunter Schauspieler-Karneval © Jay Maidment

4 von 5 Punkten

Wo anfangen mit der Aufzählung der Superlative dieser äußerst eigenwilligen Leinwandadaption? Noch nie war eine deutsche Produktion so teuer wie dieses 80-Millionen-Euro-Werk, und dann hat der deutsche Regisseur Tom Tykwer (‚Lola rennt‘, ‚Das Parfum‘) mit den ‚Matrix‘-Machern Lana und Andrew Wachowski gleich zwei Hollywood-Kollegen dazu genommen, um gemeinsam David Mitchells als unverfilmbar geltenden Erfolgsroman ‚Wolkenatlas‘ konsumierbar zu machen. Dazu jede Menge Weltstars von Tom Hanks über Halle Berry bis zu Hugh Grant, von denen jeder in ein halbes Dutzend Rollen schlüpft.

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Ist das nicht ein bisschen zu viel von allem? Vielleicht schon, aber es funktioniert, und schon weil man fast drei Stunden lang so damit beschäftigt ist zu erraten, welcher Schauspieler hinter welcher Maske steckt, möchte man sich nach dem Kinobesuch gleich hinten wieder anstellen und den Film nochmal sehen.

Unmöglich, hier die Story auch nur im Ansatz wiederzugeben. Schließlich besteht ‚Cloud Atlas‘ schon aus sechs Handlungssträngen, die in unterschiedlichen Epochen spielen und durch ganz eigene Sprachwelten gezeichnet sind. Verbindendes Element sind Seelen, die über die Jahrhunderte hinweg wiedergeboren werden und durch die Summe ihrer Erfahrungen persönliche Entwicklungen durchmachen - zum Guten wie zum Schlechten. Konsequenterweise werden die entsprechenden Personen immer vom gleichen Schauspieler verkörpert, auch wenn das dazu führt, dass Halle Berry im Jahr 1849 eine südpazifische Stammesangehörige spielt, 1936 eine blonde deutsche Jüdin, 1973 eine US-Journalistin mit Latino-Wurzeln, 2012 einen indischen Partygast in London, 2144 einen alten asiatischen Arzt in Neo-Seoul und 2346 die weißgewandete Heilsbringerin Meronym, die sich irgendwie seelenverwandt fühlt mit dem einfachen Schafhirten Zachry.

Filmkritik zu Cloud Atlas mit Hugh Grant
Hier schwingt Hugh Grant das Schwert © Jay Maidment

Der wird gespielt von Tom Hanks und war in früheren Zeiten unter anderem ein gewaltbereiter Prolo-Autor, ein schüchterner Wissenschaftler, ein versoffener Hotelier und ein gerissener Arzt und Halunke, alles natürlich auch Tom Hanks in großartiger Maske. Weitere Überraschungen in diesem bunten Schauspieler-Karneval sind Hugo Weaving als monströse Krankenschwester, Susan Sarandon in Männergestalt und Hugh Grant als weiß geschminkter Kannibale. Gut, dass im Abspanne alle Verkleidungen bildlich aufgelöst werden, denn trotz größter Konzentration gibt es Kurzauftritte, die einem untergegangen sind oder Maskierungen, die einfach zu gut waren. Dazu muss man sechs Handlungsstränge im Blick behalten, die so kunstvoll miteinander verschachtelt sind und so schnell wechseln, dass man 172 Minuten lang kaum Gelegenheit zum Durchatmen hat.

Kurz: Wer sich einfach zurücklehnen und unterhalten werden will, ist hier falsch, auch wenn das Regie-Trio auf Redundanz und Action setzt, um auch den Zuschauern eine Chance zu geben, die David Mitchells Roman nicht gelesen haben. Wer sich aber einlässt auf die zum Teil etwas gewöhnungsbedürftigen Geschichten, wobei die mit Tom Hanks als einfältigem Hirten Zachry die esoterischste ist, wird anderweitig belohnt: zum Beispiel mit opulenten Bildwelten, die in den beiden Zukunftsvision deutlich den Stempel der‘ Matrix‘-Macher tragen (man nehme allein die Strickpullis!) und großartigen Leistungen von Darstellern, die begeistert bei der Sache sind.

Von Mireilla Zirpins

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