Christopher Plummers Opa-Outing in ‚Beginners’

4,5 von 5 Punkten

Oliver (Ewan McGregor) muss schwer schlucken, als sein Vater Hal (Christopher Plummer) ihm zwei überraschende Nachrichten verkündet, eine gute und eine schlechte. Die Schlechte: Der alte Mann hat Krebs im Endstadium. Die Gute: Er ist endlich zufrieden mit seinem Leben. Schließlich kann er sich nach langen Jahren des Versteckspiels als homosexuell outen und dem Sohnemann seinen wesentlich jüngeren Lover vorstellen.

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Die traurigsten, witzigsten und kuriosesten Geschichten schreibt das Leben selbst. Deswegen erzählt Regisseur und Drehbuchautor Mike Mills (‚Thumbsucker’) in dem semi-autobiographischen ‚Beginners’ auch seine eigene: Nachdem Mills’ Mutter gestorben war, eröffnete ihm sein Vater – der nicht nur 45 Ehejahre, sondern auch geschlagene 75 Lebensjahre auf dem Buckel hatte – er sei eigentlich vom anderen Ufer. Wie Mills mit diesem späten Coming-out, mit dem Tod seiner Mutter und der Krebserkrankung seines Vaters umgeht, erzählt er mit viel Liebe zum Detail in ‚Beginners’ auf intelligente und überraschend zurückhaltende Weise.

Dabei spielt nicht nur die tiefe Vater-Sohn-Bindung eine tragende Rolle. Ohne, dass der Film zu überladen wirkt, erzählt Mills auch die Geschichten um die Beziehungen zwischen Oliver und der Schauspielerin Anna (atemberaubend: Mélanie Laurent), Hal und seinem jungen Lover Andy (Goran Visnjic) und vor allem die der Figuren zu sich selbst und der Zeit in der sie aufgewachsen sind. All das wird ausgeglichen und mit stets angemessenem Tempo erzählt. Trotz der schwermütigen Thematik um Familie, Tod, Einsamkeit und Liebe aus der Perspektive verschiedener Generationen behält ‚Beginners’ immer eine gewisse Leichtigkeit und wirkt dabei nie zu absurd. Mills schlägt mit seinem Werk subtile Töne an, überanalysiert- und interpretiert seine Geschichte nicht und drückt niemals mit Biegen und Brechen auf die Tränendrüse. Mit seinem gekonnten Spagat zwischen leiser Tragik und verspielter Komik schafft er eine wundervolle Melancholie.

Die Darsteller passen sich diesem Ton, den Mills Drehbuch hier vorgibt, perfekt an und harmonieren auch untereinander. Damit machen sie die Geschichte zu einem einheitlichen Ganzen. Christopher Plummer ist als schwuler Opa, der nach Jahren sexueller Unterdrückung durch biedere Gesellschaften endlich einen Platz gefunden zu haben scheint absolut überzeugend. Sein Gesicht strahlt gleichzeitig die große Lebensfreude aus, die der Mann noch in seinen letzten Jahren genießen darf, als auch die Angst vor dem Tod und dem Krebs, mit dem er zu kämpfen hat. Ihm bei seinem Spiel zuzusehen ist eine wahre Freude und ebenso tieftraurig.

Gleiches kann man auch über Ewan McGregor (‚Trainspotting’; ‚Der Ghostwriter’) und Mélanie Laurent (‚Inglourious Basterds’, ‚Das Konzert’) sagen. Auf emotionstriefende Dialoge hat Mills in seinem Drehbuch (Gott sei Dank) verzichtet. Oliver und Anna führen keine schmalzigen Gespräche über sich und die Päckchen, die sie zu tragen haben. Stattdessen fokussiert die Kamera Mimik und Körpersprache der beiden. In jedem Moment, in dem die Kamera in Nahaufnahme an den Gesichtern der beiden klebt, kauft man ihnen ab, was sie sich mit ihren Blicken sagen wollen und das sich zwischen ihnen eine tiefe Zuneigung entwickelt.

Regisseur Mike Mills kann nicht nur stolz auf die Schauspieler sein, die seiner Geschichte auf so sensible Weise Leben einhauchen. Er kann sich selbst für seine zauberhafte Regie ordentlich auf die Schulter klopfen sowie für den Mut seinen Seelenstriptease zu einem wundervollen Drehbuch verarbeitet zu haben.

Von Mihaela Gladovic

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