Hollywood Blog by Jessica Mazur

Cannes-Blog: Unfreiwilliges Kollegenkuscheln bei den Interviews

Cannes-Blog: Unfreiwilliges Kollegenkuscheln bei den Interviews
Cannes-Blog: Unfreiwilliges Kollegenkuscheln bei den Interviews

von Jessica Mazur

 

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Interviews sind eine feine Sache - vor allem für die, die sie lesen. Denn jemand anders hat einem Star Fragen gestellt, die man immer schon gerne beantwortet wissen wollte. Wie so ein Interview zustande gekommen ist, erfährt man meist nicht. Und das kann durchaus ganz unterschiedlich sein. Manchmal hat man die Gelegenheit, einen Prominenten sozusagen unter vier Augen zu sprechen - wenn man von den anwesenden Presseleuten mal absieht, die einem mit Handzeichen die Minuten herunterzählen, die man noch hat. Je bekannter der Star, desto kürzer das Interview, so die Regel.

Je größer das Festival, desto schwieriger werden solche Privatgespräche. Bei 3.500 akkreditierten Journalisten kann natürlich nicht jeder ein Viertelstündchen mit Pamela Anderson (aus deren Film mit dem sprechenden Titel "Blonde And Blonder" übrigens die meisten nach 15 Minuten geflohen sind) plaudern, da müsste sie ja das ganze Festival über täglich acht Stunden Interviews geben und hätte keine Zeit mehr für die ganzen schicken Partys. Deshalb haben sich die PR-Leute etwas Feines ausgedacht: Gruppeninterviews. Bei einem Trupp von zwei oder drei gut vorbereiten Fragestellern kann das eine solide Angelegenheit sein. Doch in Cannes gilt die Faustregel: Je wichtiger das Festival und der Star, desto größer die Gruppe.

Da muss man sich schon mal den Sitzwürfel mit einem Kollegen teilen, auch wenn der im Festivaltrubel das Duschen vergessen hat. Und bei dem, was eigentlich ein entspannter Plausch mit einem Star sein sollte, drängen sich die einen vor, um das Gespräch mit möglichst vielen eigenen Fragen in die passende Richtung zu lenken. Währenddessen stellen die Kollegen, die keine Vorrecherchen betrieben haben, weil es am Abend vorher etwas länger ging, einfach nur ihren Recorder dazu und überlassen das Nachbohren den Anderen. Dass Leinwandgrößen wie Juliette Binoche da noch brav Rede und Antwort stehen, muss man ihnen hoch anrechen. Zumal sie dabei meist generöser sind als ihre Aufpasser, die mit Argusaugen darüber wachen, dass niemand niemand niemand auch nur die klitzekleinste private Frage stellt.

Wenn sich aber eine international gemischte Truppe von 50 Leuten um Jude Law schart, wird der Aufpasser obsolet, weil der Star dann sicherlich keine Vertraulichkeiten ausplaudern wird. Der weiß bei so einem Pulk ja nicht mal, wer seine Gegenüber sind, zumal die auch ganz schön weit weg sitzen. Ein PR-Agent erzählt mir, dass solche als "Interview" bezeichneten Minipressekonferenzen der neueste Schrei aus den USA seien - und wir regen uns gemeinsam drüber auf. Trotzdem macht man mit, weil es Spaß macht und ja doch etwas anderes ist, wenn man den Leuten mal in die Augen gesehen hat - dann hat man zumindest eine grobe Ahnung, ob sie nüchtern waren oder unter Drogen standen.

Dass ich selber in der Festivallogik gefangen bin, weiß ich seit heute auch selbst: Mit meinem geliehenen Fahrrad bin ich böse an einer glatten Bordsteinkante gestürzt - und als erstes habe ich nachgeschaut, ob das Aufnahmegerät mit den bitter erkämpften Interviews noch heil ist. Danach erst habe ich mich darum kümmert, das Blut vom Bein zu wischen. Aber wie sagte ein Kollege, der hier Stammgast ist, heute so schön zu mir: „Dein erstes Cannes-Festival tut verdammt weh.“

A bientôt

Ihre Mireilla Zirpins

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© Bild: Jessica Mazur