Hollywood Blog by Jessica Mazur

Cannes-Blog: Ich habe jetzt ein Fahrrad!

Cannes-Blog: Ich habe jetzt ein Fahrrad!
Cannes-Blog: Ich habe jetzt ein Fahrrad!

von Jessica Mazur

Ich habe jetzt ein Fahrrad. Man stellt es sich zwar so vor, dass ganz Cannes in schicken schwarzen Autos unterwegs ist, aber so viele würden in diese kleine Stadt gar nicht reinpassen. Schon am ersten Festivaltag kam der Bus erst 20 Minuten zu spät und dann nicht durch - wie soll das bitte erst werden, wenn die Promidichte hier steigt und überall sperrige Stretchlimos unterwegs sind? Dabei ist ein gutes Zeitmanagement das halbe Festival: Ich habe mich extra um 6.30 Uhr aus dem Bett gequält, um mir die Pressevorführung des Eröffnungsfilms “My Blueberry Nights“ mit Jude Law und Norah Jones anzusehen. Gestandene Cannes-Fahrer hatten mir nämlich gesteckt, dass man besser eine gute Stunde vor Filmbeginn am Kino sein sollte. Leider bin ich nicht die einzige, die das weiß. Vor dem Festivalpalast scharen sich schon die Kollegen. Zum Glück entdecke ich in der Schlange nette Kollegen, die mir einen Vorteil von zehn Metern verschaffen. Immerhin. 45 Minuten später stehe ich immer noch an derselben Stelle und rutsche immer tiefer in meine Peeptoes hinein. Ich beiße tapfer die Zähne zusammen, damit ich mir keine höhnischen Kommentare von Menschen mit Gesundheitsschuhen und Trendsneakers anhören muss und frage mich: Warum bitte bewegt sich unsere verfluchte Schlange nicht, während die Kollegen auf der anderen Seite in Scharen in den Vorführsaal strömen? Das liegt daran, dass ich in der „blauen“ Schlange stehe, und die „pinkfarbene“ die Fastlane ist.  Es ist nämlich so: Es gibt hier nicht nur mehrere Arten von Promis – A-Promis (sind mit eigenem Boot hier und bekommen zu ihren Ehren eine Party geschmissen, auf die sie dann nicht gehen), B-Promis ( sind außerhalb von Cannes auch A-Promis) und C-Promis (müssen zuerst über den Roten Teppich und sind froh, dass sie eine Einladung bekommen haben) –, sondern auch mehrere Arten von Journalisten. Wir Pressevertreter müssen wie im Kindergarten oder in All-inclusive-Anlagen mit Badges herumlaufen, deren Farbe darüber entscheidet, wie lange wir anstehen müssen bzw. ob wir  überhaupt irgendwo reinkommen. 

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Blau heißt: Anstehen und hoffen. Ich habe blau, ich stehe an, aber es gibt Hoffnung. Und in der Tat wird es noch spannend. Die zehn Meter Vorsprung entscheiden darüber, dass ich zum letzten Dutzend gehöre, das noch in die Vorführung darf. Zutiefst dankbar sitze ich fast zwei Stunden lang auf der Treppe des überfüllten Kinos, damit ich Jude Law dabei zusehen darf, wie er Miss Jones Eiscreme von den Lippen schleckt. Hat sich doch gelohnt. Meine Schuhe ziehe ich im Dunklen aus.

Jetzt noch mit wunden Füßen zur Bushaltestelle und dort wieder warten? Lieber begebe ich mich zum Fahrradverleih (Räder haben hier ganz viele Kollegen, die wissen, wie lang Fußwege in so einer kleinen Stadt mit vielen Hügeln und weitläufiger Strandpromenade doch sein können). Und so radele ich glücklich den Berg wieder hinunter aufs Festivalgelände zu. Beim Schlangestehen hilft das Rad zwar nicht, aber es sorgt dafür, dass meine Füße auf dem Heimweg geschont werden und dass ich es noch zum Presse-Cocktail geschafft habe - keine Häppchen, aber Drinks und nette Kollegen.   

A bientôt! Ihre Mireilla Zirpins

PS.: Sonnig mit Mini-Wolken heute, ich trage meine Peeptoes

 

Cannes-Blog: Ich habe jetzt ein Fahrrad!
© Bild: Jessica Mazur