Bruno Dumont: Wir sind Kannibalen und Spießbürger

Bruno Dumont
Der radikale Filmemacher Bruno Dumont salzt gerne. Foto: Sabine Glaubitz © DPA

Der Franzose Bruno Dumont (58) macht Filme, die das Innere des Menschen beleuchten. Er wolle zeigen, dass der Mensch die unterschiedlichsten Seiten in sich vereine. Er könne kannibalisch und spießbürgerlich zugleich sein, sagte er in einem Interview mit internationalen Medienvertretern.

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Sein Cannes-Wettbewerbsfilm "Ma Loute" ist eine Groteske, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt. Sie handelt von einer armen Muschelsammlerfamilie in Nordfrankreich, die reiche Urlauber isst. In dem Interview erzählt er, warum er sich der Komödie bedient hat und die Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielen lässt.

Frage: Ihr Film spielt im Jahr 1910. Warum gerade diese Zeit?

Antwort: Sie dient mir als Quelle für die Kostüme und das Dekor. In dieser Zeit erkennen wir uns aufgrund der Distanz am besten wieder. Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man Arm und Reich noch leicht erkennen. Heute ziehen sich die Reichen an, wie die Armen und umgekehrt. Ich benutze diese Zeit, um zu zeigen, welche Gegensätze wir in uns vereinen. Wir sind beides: Kannibalen und Spießbürger.

Frage: Die Armen essen die Reichen, eine Jugendliche, die sich als junger Mann verkleidet. Steckt da nicht auch eine Portion Sozial- und Gesellschaftskritik dahinter?

Antwort: Ich mache Filme, die zeigen, welche Seiten wir alle in uns vereinen. Der Fischer verkörpert das Primitive, das Archaische in uns, die reiche Bürgerfamilie das Spießige. Wir sind alles in einem, so wie die Filmfigur Billie. Sie ist androgyn und vereint männliche und weibliche Merkmale in einem Körper. Mann und Frau, Fischer und der Bourgeois. Wir sind all das zusammen.

Frage: In ihrem Film fliegen Valeria Bruni Tedeschi und Juliette Binoche durch die Luft. Die Grenzen zwischen Komödie und Absurdität sind fließend. Haben Sie nicht den Eindruck, den Bogen streckenweise überspannt zu haben?

Antwort: Die Komödie birgt Risiken, im Gegenteil zum Drama. Aber die Mainstream-Komödie interessiert mich nicht. Ich bin ein radikaler Filmemacher, auch im Komischen. Ich übertreibe, um die Dinge besser zu zeigen. Das ist wie beim Kochen. Die einen mögen gern gewürzte Gerichte, die anderen weniger. Ich salze gern.

ZUR PERSON: Bruno Dumont wurde am 14. März 1958 im nordfranzösischen Bailleul geboren. Bevor er mit dem Filmen begann, unterrichtete er Philosophie und drehte Werbefilme. Beim Festival in Cannes wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem für "Das Leben Jesu" und "Flandres".


dpa
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