Brad Pitt als Familientyrann: 'Tree of Life'

3 von 5 Punkten

Eigentlich hätte der Film die Zutaten für einen echten Sommer-Blockbuster: Brad Pitt als dominant-autoritärer Vater mit flottem Kurzhaarschnitt und Sean Penn als traumatisierter Sinnsuchender garantieren immerhin eine echte Starbesetzung à la Hollywood. Dazu kommen digital animierte Dinosaurier (!), kosmische Explosionen und Lavaströme, die eine bildgewaltige Sprache liefern. Doch das philosophische Drama von Terrence Malick, das bei den Filmfestspielen in Cannes mit der goldenen Palme ausgezeichnet wurde, ist das genaue Gegenteil von seichter Popcorn-Unterhaltung. ‚The Tree of Life’ bietet eine einzigartige, aber zugleich auch sehr schwer verdauliche cineastische Kost.

Und die kommt leider auch noch ohne geradliniges Rezept daher, obwohl die Story recht simpel ist. Der kleine Jack (hervorragend gespielt von dem Neuling Hunter McCracken) wächst in den 60er-Jahren im mittleren Westen der USA als ältester von drei Brüdern auf. Vordergründig scheint die Welt in Ordnung – alles geht seinen gewohnten Gang, jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft. Der sonntägliche Kirchgang gehört ebenso zum festen Ritual wie die gemeinsamen Mahlzeiten im Kreis der Familie. Aber der kleine Jack sieht die Risse in der Fassade. Wie seine Mutter (ätherisch-schön: Jessica Chastain) hat er die Fähigkeit, mit der Seele zu sehen und dadurch Liebe und Empathie zu entwickeln.

Sein strenger Vater hingegen, überzeugend gespielt von einem glücklicherweise wieder bartlosen Brad Pitt, predigt dem Kind, unnachgiebig für die eigenen Interessen zu kämpfen. Er will ihn stärken für das ‚richtige, feindliche Leben’. Jack ist hin- und hergerissen zwischen seinen Eltern und ihren jeweiligen Idealen. Als er im Laufe seiner Kindheit mit Krankheit, Leid und Tod konfrontiert wird, verdüstert sich seine heile Kinderwelt und erscheint ihm immer mehr als undurchdringliches Labyrinth. In der modernen Welt fühlt sich der erwachsene Jack (leider völlig unterfordert: Sean Penn) als verlorene Seele, ständig auf der Suche nach einem höheren Plan, der im Wandel der Zeit unveränderbar bleibt.

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Asteroiden und Dinosaurier vs. Brad Pitt und Sean Penn

Soweit so gut: Regisseur Malick fängt die Kleinstadt-Idylle mit sehr poetischen Bildern ein (Kinder, die auf ruhigen Straßen, am Flussufer und unter Bäumen spielen, die liebevolle Mutter mit Schürze in der Küche, Familiendinner am runden Tisch). Doch die Nachricht vom Tod eines der Söhne ist der bildgewaltige Startschuss für die Sinnsuche der Familie und insbesondere des kleinen (und erwachsenen) Jack über Glauben, die Entstehung von Leben und den Tod. Und ab hier lässt Malick seinem cineastischen Größenwahn freien Lauf: Atemberaubende Bilder von der Entstehung des Universums inklusive digital animierten Dinosauriern (jawoll!) unterbrechen die eigentliche Handlung immer wieder. Zuviel für so manchen Zuschauer – erhielt der Film bei seiner Premiere in Cannes zwar auch Beifall, wurde er dennoch von einem Großteil des Publikums gnadenlos ausgebuht. Die goldene Palme für den besten Film konnte Malick dennoch einheimsen.

Keine Frage: In die überwältigende Schönheit der Bilder kann man sich beinahe verlieren. Malick hat die beeindruckenden Evolutionsszenen mit Asteroideneinschlägen, künstlichen Flutwellen und kosmischen Explosionen in Zusammenarbeit mit der NASA entwickelt, die in ihrer ästhetischen Wucht auf den wehrlosen Zuschauer einbrechen. Anfangs begeistern sie zwar, lassen aber auch schnell über den Sinn dieses Films grübeln. Gerne würde man stattdessen noch mehr von Hollywoods Sexsymbol Nr. 1 Brad Pitt sehen, der mit kurz rasiertem Crew-Cut und breitem Brillenrand zum strengen Vater zurechtgestutzt wurde und wieder beweist, welch schauspielerisches Potenzial in ihm steckt.

‚The Tree of Life’ ist ein psychedelisch-faszinierender Trip für alle, die die Fragen nach dem Sinn des Lebens schätzen und sich an abgehackten Dialogen und symbolischer Sprache nicht stören. Wer angesichts der prominenten Besetzung mit Brad Pitt und Sean Penn aber auf ein gemütlich-erbauliches Familien-Epos hofft, sollte lieber die Finger von dem Film lassen.

Von Norbert Dickten

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