'Boyhood' mit Ethan Hawke und Oscar-GewinnerIn Patricia Arquette: Die Dreharbeiten dauerten zwölf Jahre

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'Boyhood' mit Ethan Hawke und Patricia Arquette: Die Dreharbeiten dauerten zwölf Jahre
Lorelai Linklater, Ellar Coltrane und Ethan Hawke spielen in 'Boyhood' eine Familie © Supplied by WENN.com, MLM/ZJF

4,5 von 5 Punkten

Sowas hat es in der Filmgeschichte noch nicht gegeben. Regisseur Richard Linklater ('Before'-Trilogie) wagte mit 'Boyhood' ein noch nie da gewesenes Experiment: Für sein fiktives Drama hat er einen sechsjährigen Jungen über zwölf Jahre lang (2002 bis 2013) beim Erwachsenwerden begleitet - angefangen in der Grundschulzeit bis hin zum ersten Tag auf dem College. Die größte Herausforderung war es vermutlich, Schauspieler zu finden, denen Linklater blind vertrauen konnte und die sich bereit erklärten, sich für einen so langen Zeitraum zu verpflichten. Doch die Risiko-Bereitschaft hat sich ausgezahlt: Herausgekommen ist ein faszinierender Coming-of-Age-Film, der trotz einer Laufzeit von drei Stunden nie langatmig wird.

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Im Mittelpunkt des Geschehens steht der sechsjährige Mason (Ellar Coltrane, 'Fast Food Nation'), der in ärmlichen Verhältnissen mit seiner Schwester Samantha (gespielt von Richard Linklaters Tochter Lorelai) bei seiner alleinerziehenden Mutter Olivia (Oscar-GewinnerIn Patricia Arquette, 'Medium', 'Boardwalk Empire') aufwächst. Leider gerät diese immer wieder an die falschen Kerle, so dass den Kindern ein paar unfreiwillige Ortswechsel nicht erspart bleiben. Die einzige Konstante in ihrem Leben ist ihr Vater Mason Senior (Ethan Hawke, 'Before Midnight', 'New York, I Love You'), der sein Leben allerdings nicht so recht auf die Reihe bekommen will, da er am liebsten das Leben eines Rockstars führen würde statt einen langweiligen Büro-Job auszuüben. Trotzdem hat er das Herz am rechten Fleck und versucht trotz seiner häufigen Abwesenheit eine enge Bindung zu seinen Kindern aufzubauen.

Aus jedem Jahr sehen wir kurze Episoden aus Masons Leben: Wir begleiten ihn bei diversen Umzügen, sehen wie er die Schulen wechselt, neue Stiefväter kennenlernt und seinen ersten Liebeskummer durchlebt. Mit Spannung verfolgt man, wie der kleine Junge erwachsen wird und versucht, seinen Platz im Leben zu finden. Zwölf Jahre vergehen hier in nur drei Stunden – und zwar in Echtzeit. Doch anders als der Filmtitel vermuten lässt, steht nicht nur Masons Entwicklung vom Kind zum Mann im Vordergrund – es geht genauso sehr um das Elterndasein, das Verhältnis zwischen Geschwistern, Liebespaaren oder Geschiedenen. Jeder kann sich also mit einer der Filmfiguren identifizieren.

Vom niedlichen Jungen zum pubertierenden Teenager

Eine gute Orientierungshilfe bei dieser zwölfjährigen Zeitreise bietet der Soundtrack des Films – angefangen bei 'Oops… I did it again' von Britney Spears über 'Get Lucky' von Daft Punk bis hin zum Schlusslied 'Hero' von Family of the Year. Doch auch popkulturelle und politische Ereignisse wie die Veröffentlichung des ersten 'Harry Potter'-Buchs, der Irak-Krieg oder Obamas Wahlsieg ermöglichen eine zeitliche Einordnung. Am deutlichsten wird der Jahreswechsel jedoch am lebenden Objekt selbst, dem kleinen Mason. Dieser entwickelt sich vom niedlichen Jungen zu einem pubertierenden Teenager mit Emo-Frisur und schwarzen Fingernägeln.

Wer Linklaters 'Before'-Trilogie kennt, weiß, dass er sich auf ausgedehnte Dialoge einstellen sollte, die von alltäglichen Themen bis hin zu philosophischen Grundsatzdiskussionen reichen können. Dabei setzt man sich automatisch mit seinem Leben und seiner eigenen Vergänglichkeit auseinander. „Was soll das alles hier?“, fragt Mason seinen Vater in einer Szene. Der kann nur müde lächeln und ihm diese Frage nicht wirklich beantworten. Und obwohl es im Film keine dramatischen Höhepunkte gibt, kommt keine Langeweile auf und das nicht zuletzt durch die hervorragende Besetzung der Schauspieler, die herrlich ungekünstelt und natürlich rüberkommen. Zwar erhaschen wir aus den zwölf Jahren immer nur kurze Episoden - dennoch ergibt der Film ein stimmiges Ganzes, das uns durch die Höhen und Tiefen des Lebens führt. So beeindruckt 'Boyhood' nicht nur durch seine neuartige Erzähltechnik, er berührt den Zuschauer auch auf einer emotionalen Ebene und regt zum Nachdenken an – etwas, das nur die wenigsten Filme schaffen.

Kinostart: 22. Januar 2015

Genre: Drama

Originaltitel: Boyhood

Filmlänge: 163 Minuten

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