"Bolschoi Babylon" entzaubert Moskaus Kulturpalast

Bolschoi Babylon
"Bolschoi Babylon": Die wahren Dramen spielen sich hinter den Kulissen ab. Foto: Polyband © DPA

Für Ballettfans ist das Bolschoi Theater ein heiliger Tempel, ein geweihter Ort - doch die wahren Dramen spielen sich hinter der Bühne des weltberühmten Moskauer Kulturpalasts ab.

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Es sind erbitterte Grabenkämpfe um Macht, Geld und die besten Rollen. Am 17. Januar 2013 kommt es zur Tragödie: Ein maskierter Mann attackiert den künstlerischen Leiter Sergej Filin vor dessen Haus mit Säure - der frühere Star-Tänzer wird schwer verletzt.

Zufällig sind der britische Regisseur Nick Read und sein Produzent Mark Franchetti zu diesem Zeitpunkt in Moskau - und tatsächlich erlaubt ihnen das Theater, in seinen Räumen zu drehen. Nun kommt ihr Dokumentarfilm "Bolschoi Babylon" in die deutschen Kinos und gibt spannende Einblicke in die Machtkämpfe. Denn überraschend offen sprechen Filin, Intendant Wladimir Urin sowie Solisten über Intrigen und persönliche Eitelkeiten.

Da ist Filin selbst, lange ein Sonnyboy, erfolgreicher Solist am Bolschoi. Dann wird er zum künstlerischen Leiter ernannt - und mit einem Schlag ist er für viele aus der mehr als 200 Tänzer großen Balletttruppe ein Gegner, der ihnen den Traum des großen Auftritts verwehrt. Vorwürfe, er sei korrupt und verlange sexuelle Gefälligkeiten im Austausch für gute Rollen, weist Filin zurück. "Es sind fortwährende Kämpfe", das Bolschoi sei ein "Minenfeld", sagt er in die Kamera, vom Attentat gezeichnet, aber mit fester Stimme.

Da ist Intendant Urin, kurz nach dem Anschlag eingesetzt, der sich die traditionelle Einmischung der Politik verbittet und deutlich macht, dass er Filin nicht mag. Einmal kanzelt er ihn vor versammelter Mannschaft ab. Und am Ende setzt er sich durch: Filins Vertrag als künstlerischer Leiter wird im Juli 2015 nicht verlängert, mittlerweile bildet er am Bolschoi allerdings wieder Nachwuchstalente aus.

Und dann natürlich die Tänzerinnen. "Wir sollen das Schöne verkörpern", erzählt Anastassija Meskowa. Denn viele der rund 2000 Zuschauer, die zu jeder Aufführung ins Bolschoi in Sichtweite des Kremls strömen, zahlen Hunderte Euro Eintritt für Klassiker wie "Schwanensee". Der Schwarzmarkt ist berüchtigt. Aber, so erzählt ihre Kollegin Maria Alexandrowa: "Kaum ein Mensch kann nachvollziehen, warum wir uns jeden Morgen an der Stange quälen."

Immer wieder ist die Kamera nah am Training dabei oder blickt aus den Kulissen auf die Bühne, fängt die unzähligen Pirouetten ein. "Das Bein bewegt sich nicht, da ist gar nichts", schimpft eine Trainerin. Und dann der schwierige Spitzentanz, sekundenlang auf den Zehenspitzen. Sprünge, dazu lächeln und immer wieder lächeln. Nach dem Auftritt sind die Tänzerinnen ausgepumpt, die Arme abgestützt auf den Oberschenkeln. Und oft folgt der Quälerei kein Lohn: Wofür sie das denn überhaupt alles mache, schließlich sei sie doch nicht für die US-Tournee nominiert worden, sagt eine hinter der Bühne.

Dieser Kampf um die Rollen ist es letztlich, weswegen Sergej Filin beim Anschlag fast sein Augenlicht verliert. Nur mit zahlreichen Operationen können ihm deutsche und russische Spezialisten seine Sehkraft retten, wenigstens ein bisschen. Als Drahtzieher des Säureanschlags musste Pawel Dmitritschenko ins Straflager. Der junge Solist war wütend auf Filin - denn der hatte Dmitritschenkos Freundin regelmäßig bei der Vergabe der besten Partien übergangen.

Das Drama hinter den Kulissen erzählt "Bolschoi Babylon" mithilfe der offenherzigen Interviews und ohne Off-Kommentar. Ein wenig zu häufig springt der Film zwar zwischen dem aufsehenerregenden Kriminalfall und dem spannenden Einblick in die Welt der Tänzer und Strippenzieher hin und her. Dazu kommt, dass wegen der deutschen Synchronisation nicht immer klar ist, wessen Einschätzung eben zu hören ist - denn zu sehen sind dabei oft nur die wunderbaren Tanzszenen. Doch für den spannenden Einblick in die faszinierende Welt des Bolschoi und ihren Einzelschicksalen ist das unerheblich.

Bolschoi Babylon, Großbritannien 2015, 87 Min., FSK o.A., von Nick Read


dpa
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