Beschwingte Brit-Komödie: "Radio Rock Revolution"

Beschwingte Brit-Komödie: "Radio Rock Revolution"

In "Radio Rock Revolution" gelten die Gesetze der Swinging Sixties: Sex, Drugs & Rock 'n' Roll. Da darf man als DJ sogar aussehen wie Karlsson vom Dach und kann trotzdem die Groupies reihenweise flachlegen.

Von Sascha Eichler

Viele Eltern sind mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Die einen schicken ihren Nachwuchs ins Erziehungscamp in die USA, andere holen sich Hilfe im eigenen Familienkreis. Doch Rock ’n’ Roll als Erziehungsmaßnahme? Ja, in „Radio Rock Revolution“, der neuen Komödie des „Tatsächlich Liebe“-Regisseurs Richard Curtis über die wilde Zeit der Rock- und Popmusik Ende der 60er schickt eine Mutter ihren Sohn sogar bewusst in den Sündenpfuhl.

Weil er von der Schule geflogen ist, soll der 18-jährige Jungspund Carl (der völlig unbekannte Tom Sturridge, zuletzt vor fünf Jahren neben Annette Bening in „Being Julia“ gesichtet) bei seinem Patenonkel Quentin (Bill Nighy) zur Räson kommen und endlich erwachsen werden. Doch da hat seine Mutter den Bock zum Gärtner gemacht. Denn der hagere Onkel mit den zu kurzen Hosen ist der groovende Chef des Piratensenders „Radio Rock“.

Piratensender? Das neue Ding in den Swinging Sixties! Denn der große staatliche Radiosender BBC spielt die Hits von Jimi Hendrix, The Kinks und Grateful Dead gerade einmal mickrige zwei Stunden pro Tag. Onkel Quentin und seine musikbesessene Truppe von Radio-DJs hatten daher die Idee, die heißesten Rock- und Pop-Nummern von einem Boot auf hoher See aus zu senden, denn die britische Regierung erlaubt keine privaten Radiosender auf dem Festland. Die Spaßbremsen vom Ministerium bezeichnen die Musik und den Rebellen-Sender als vulgär und unmoralisch und wollen die Ausstrahlung um jeden Preis unterbinden. Damit die Zuschauer hier Gut und Böse besser auseinanderhalten können, verstärkt Regisseur Richard Curtis den Konflikt durch einen farblichen Kontrast. Auf der einen Seite die bunte, chaotische Crew der Radio-Revoluzzer, auf der anderen die schwarz-weiß gekleideten Regierungsbeamten, die an ihrer eigenen Steifheit zu ersticken drohen.

Chef-DJ der Radiorebellen ist ein fülliger, selbstgefälliger US-Amerikaner, der sich „der Graf“ nennt (wie immer überzeugend: Philip Seymour Hoffmann). Doch bald bekommt er Konkurrenz vom eitlen Gockel Gavin (herrlich schräg: Rhys Ifans), der nach einer Drogentour aufs Boot zurück kehrt. Beide führen einen unerbittlichen Hahnkampf ums größte Ego – und um die Gunst der zahlreichen weiblichen Fans. Komplettiert wird die Truppe durch den schüchternen DJ Simon (Chris O’Dowd). Dieser heiratet die schöne Elenore (January Jones) und lässt sich 17 Stunden später wieder scheiden. Der stets rollige Pausenclown Dave (Nick Frost) unterhält die Crew und die Zuhörer tagein, tagaus mit seinen Scherzen und erweist sich für Carl auch als Mentor in Sachen Liebe.

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Beschwingte Brit-Komödie: "Radio Rock Revolution"

Denn auf dem ‚Love Boat‘ wird nicht nur Rock ‘n‘ Roll gespielt. Neben mitreißenden Rock-Klassikern aus den 60er Jahren haben die Jungs nämlich ab und zu auch Frauen an Bord. Die Groupies kommen in Scharen übers Wasser, um sich zu vergewissern, ob die Jungs die Maxime von „Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll“ auch wirklich leben. Und das tun sie.

Doch Rock-Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Greenhorn Carl kann nur davon träumen, dass ihm eines Tages die Ladies reihenweise zu Füßen liegen wie dem optisch eher unscheinbaren Frauenheld Midnight Mark (Tom Widson). Bei einer Party auf dem Boot sitzt der DJ Mark umringt von einem Dutzend halbnackter Frauen im Maschinenraum - wie einst Jimi Hendrix auf dem Cover seines Albums „Electric Ladyland“ (1967). Es lohnt sich also gut aufzupassen, da zahlreiche Anspielungen auf berühmte Plattencover die poppig-bunte Sixties-Optik unterstreichen.

Die verschiedenen Charaktere haben eines gemeinsam: Sie alle kämpfen auf dem Boot für eine Lebenseinstellung: den Rock ‘n‘ Roll. Diese Überzeugung kauft man jedem einzelnen Schauspieler ab, denn der Spaß steht ihnen allen ins Gesicht geschrieben. Doch die vielen Akteure und ihre Beziehungen untereinander machen es dem Zuschauer schwer, der Handlung zu folgen. Zudem ziehen die vielen Nebenschauplätze die Geschichte unnötig in die Länge. Irgendwann ist es einem gleich, ob Carl auch noch seinen leiblichen Vater findet oder nicht.

Da ist es doch viel amüsanter, dass ihm trotz allen Spaßes auf dem Boot bei der Bemühung um das Mädchen seiner Wahl immer etwas dazwischen kommt. Als sein erstes Mal endlich in greifbarer Nähe scheint, lässt er die hübsche Marianne (Talulah Riley aus „Die Girls von St. Trinian's“) alleine auf dem Zimmer und macht sich auf die Suche nach einem Kondom. Ein böser Fehler. Als er zurückkehrt, hat sein vollschlanker, aber sehr von sich überzeugter Mentor Dave (Typ Karlsson vom Dach) sich schon über sie hergemacht. Tja, die „Dark side of Rock ‘n‘ Roll“. Es ist eben nicht leicht, seine Unschuld zu verlieren. Selbst nicht in Zeiten der freien Liebe.

Solche hübschen Momente hätten wir gern mehr gesehen. Doch leider kann die durchaus charmante Komödie ihr Tempo nicht halten. Die Gagdichte könnte höher sein, und nicht jeder Scherz zündet. Dass man die Abenteuer der Rock-Chaoten auf hoher See trotzdem gern ansieht, liegt vor allem an dem stimmigen Soundtrack und dem begeistert und überzeugend aufspielenden Ensemble. Aber Hand aufs Herz: Haben wir bei Richard Curtis wirklich etwas über den Rock 'n' Roll gelernt, was wir nicht vorher schon wussten? Nun ja, eher nicht. Immerhin: Bei unserem Protagonisten Carl hat das Erziehungscamp funktioniert.

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