"Beckmanns Sportschule": Die schlechteste TV-Sendung aller Zeiten?

"Beckmanns Sportschule": Die schlechteste TV-Sendung aller Zeiten?
Was will uns Reinhold Beckmann in seiner "Sportschule" eigentlich mitteilen? © WDR/Paul Ripke

Reinhold Beckmann (60) ist auf der Suche nach einem Geist. Er tappt durch die langen Korridore und Treppenhäuser der Sportschule Malente, die an ein Landschulheim der 60er Jahre erinnert. Dabei brabbelt er von einer "etwas wahnsinnigen Männer-WG", was geheimnisvoll klingen soll, aber nur wirr klingt. Irgendwann hören wir "Dieser Weg" von Xavier Naidoo. Und in der Tat ist dieser Weg hart und steinig, denn er führt geradewegs in die "schlechteste Fußballsendung aller Zeiten", wie ein anonymer Autor im Internet urteilte.

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Kritik am neuen EM-Format

Der Geist von Malente

Der Mann hat gar nicht mal Unrecht. "Beckmanns Sportschule" heißt das Machwerk der ARD, mit dem das Erste jeden der Sendetage von der EM beendet. Dazu schalten die Programmmacher live um ins schleswig-holsteinische Malente, wo Reinhold Beckmann (60) auf der Suche nach dem tiefen Sinn des Fußballs die Vergangenheit durchpflügt und den "Geist von Malente" beschwört. Das geht dann so bis zur Geisterstunde.


Zur Erinnerung: In der Sportschule Malente hatten deutsche Fußballnationalmannschaften 1970, 1974, 1978, 1986, 1990 und 1994 ihr Trainingslager aufgeschlagen. Tatsächlich sprangen dabei die WM-Titel von 1974 und 1990 heraus. Also muss dort ein guter Geist hausen, der Körper und Seele beflügelt, nämlich der von Malente. Und den sucht Beckmann Sendung für Sendung.


Alle zwei Jahre wieder

Wir kennen das ja: Immer zu WM- oder EM-Zeiten werden die Sportredaktionen der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten von Kreativexplosionen geplagt, bei denen das Publikum nicht mehr mithalten kann. Beispielsweise reflektierte das ZDF während der letzten WM in Brasilien das Geschehen im tropischen Südamerika am Ostseestrand von Heringsdorf, was ungefähr so wirkte, als würde der Große Preis von Monte Carlo auf der Gokart-Bahn von Kerpen nachgestellt.


Nun versucht sich die ARD an der Quadratur des Kreises und stellt dabei anerkannt unsägliche Formate in den Schatten. "Gegen das wüste Spektakel, das Reinhold Beckmann in der altehrwürdigen, unschuldigen Sportschule Malente veranstaltet, war jede einzelne Ausgabe von 'Waldis WM-Club' eine Art 'Literarisches Quartett', mit Tendenz zum Nobelpreisverdacht", schreibt der Kölner "Express".


Verwirrung überall

Beckmann plaudert mit "Kopfballungeheuer" Horst Hrubesch und entdeckt in Malente "das Bernsteinzimmer des deutschen Fußballs", er will von Ex-Nationalspieler Jens Nowotny wissen, wie das denn so sei, wenn man in die Umkleidekabine kommt. Nowotny antwortet: "Als Erstes stellt man die Tasche ab." Dann ziehe man die Schuhe aus. Erst links, dann rechts.


Verwirrt konstatiert "stern.de", wie das sei, wenn man fünf Minuten lang "Beckmanns Sportschule" angeschaut habe: "Sie könnten einen Lachanfall erleiden, der nicht mehr aufhört; Ihr Mund könnte vor Ungläubigkeit offen stehen und sich einfach nicht mehr schließen lassen; Sie könnten sich plötzlich für besoffen halten, ohne auch nur einen Tropfen getrunken zu haben."


Das klingt nach einer ungewöhnlichen Geisterbahn, die außergewöhnliche Überraschungen parat hält. Doch dann lässt Beckmann bei seiner Geistersuche Gespenster wie den aufgepumpten Ex-Torwart Tim Wiese oder Nico Patschinski, ein ehemaliger Kicker von Dynamo Berlin, der nun als Bestatter arbeitet, auftreten und ein Heringsfilet, das alte rosa Trikot von Wiese sowie Uli Stielikes Streifenjackett im Wald von Malente begraben. Diesmal ist die "Süddeutsche Zeitung" ratlos und berichtet von einer "Sendung wie im Fiebertraum".


Natürlich bietet sich ein Mann wie Trainer Christoph Daum, der mal als Nationaltrainer im Gespräch war und während seiner Kokainkrise das Land fluchtartig verlassen hat, als kongenialer Gesprächspartner von Beckmann an. Ob er denn schon den Geist von Malente "erschnüffelt" habe, will der Moderator wissen.


Daum antwortet wie ein fremdgesteuertes Orakel: "Also, ich hab natürlich den Geist aus der Entfernung mitbekommen, denn, äh, ist ja wie so'n Mythos, das eigentlich permanent existiert, permanent beschworen wird, nicht nur von Nationalmannschaften, sondern auch von Vereinsmannschaften oder anderen Mannschaften, die sich hier in der Sportschule vorbereiten, ich selber hab's nur bis Timmendorf geschafft in der Vorbereitung, weiter bin ich nicht gekommen, weiß aber, ich sag mal so, die Besonderheiten einer Sportschule zu schätzen, denn das heißt wieder: back to the roots." Capisce?!


"Welt.de" erinnert diese Art Fernsehen an das "Zeugnis eines liebenswürdigen Versuches, der scheitert wie eine Zweijährige in der Vorschule, die statt Mutter, Vater, Kind, Haus, Baum und Sonne lieber das Hurrelmannsche Modell der produktiven Realitätsverarbeitung malen will".


"Wie viele Idioten soll diese Welt noch aushalten?"

Dann sucht Beckmann mit den ehemaligen Nationalspieler und Weltmeister von 1990, Thomas Berthold, die Küche von Malente auf, wo "die gute Seele des Hauses gerade Schnittchen schmierte und erzählen durfte, wie sie dem Kicker einst im eigenen Badezimmer ein Erkältungsbad zubereitet hat" ("Frankfurter Rundschau"). Als Beckmann den Ex-Kicker fragt: "Du hast dich sicher gefragt, was wir hier machen", antwortet der wahrheitsgetreu: "Reinhold, das frage ich mich wirklich." Worauf das Fachmagazin "Elf Freunde" grübelt, ob das nun totaler Schwachsinn sei oder "nichts anderes als kühne, postmoderne Avantgarde".


Das sieht der Schriftsteller Jürgen Roth wesentlich robuster. Den Auftritt der Fußballlegende Uwe Seeler als eine Art Hausmeister der Sportschule von Malente, die seit 2012 "Uwe Seeler Fußball Park" heißt, erfüllt ihn bei "Spiegel Online" mit donnernder Empörung: "Wie kann man einen fast achtzigjährigen Mann, der meiner Vermutung nach eine unbescholtene, gute Seele ist, so einsetzen? Wie geschmack- und taktlos muss man sein, um diesen fabelhaften ehemaligen Fußballer zur Karikatur eines alten Menschen, der nichts (mehr) zu sagen hat, zu degradieren? Sind im Fernsehen nur noch schäbige Misanthropen zugange?"


Dann fragt Roth fast resignierend: "Wie viele Idioten soll diese Welt noch aushalten?"



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