Aus Amélie wird Coco: Audrey Tautou in "Coco Chanel"

Aus Amélie wird Coco: Audrey Tautou in "Coco Chanel"

Von Mireilla Zirpins

Wer momentan am Strand von Deauville spazieren geht, sieht dort über einem der Kabinenhäuschen ein oben-ohne-Foto von Coco Chanel aus den 30er Jahren hängen - in der damaligen Zeit echt skandalös und auch heute noch ein Hingucker. Die legendäre Modeschöpferin war eben noch nie besonders angepasst, trug maßgeblich zum Ende des Korsetts bei und vernaschte die Männer reihenweise. Wer derlei Ausschweifungen auch in der Verfilmung ihres Lebens erwartet, verspricht sich jedoch zu viel von "Coco Chanel - der Beginn einer Leidenschaft".

Die französische Regisseurin Anne Fontaine inszeniert Audrey "Die fabelhafte Amélie" Tautou als eher hochgeschlossene Coco Chanel, auch wenn der Film deutlich thematisiert, dass sie zunächst in zwielichtigen Etablissements als Amüsierdame auftritt und sich hochschläft bei ihrem Etienne Balsan (Benoît Poelvoorde). Immerhin dürfte manchen Zuschauer die Vergangenheit der später stets adrett gekleideten Modepäpstin überraschen. Als uneheliches Kind wurde Gabrielle Bonheur Chasnel, wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, vom Vater in ein Waisenhaus abgeschoben, dann schlägt sie sich zusammen mit ihrer Schwester (gespielt von Marie Gillain) als unterdurchschnittlich begabte Variétésängerin durch.

Auch wenn sie selbstbewusst modischen Konventionen trotzt und sich aus Resten ihre Garderobe zusammenstückelt, wird ihr der Weg doch von Männern geebnet. Etienne Balsan hält sie aus und führt sie als Kuriosum in die feine Gesellschaft ein, ihre erste große Liebe, der britische Industrielle Boy Chapel (Alessandro Nivola) ermöglicht ihr die Eröffnung ihrer ersten Boutiquen in Paris und Deauville.

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Aus Amélie wird Coco: Audrey Tautou in "Coco Chanel"

Aber der Film zeigt auch Cocos Emanzipation von den Männern. Boy Chapel bekommt seinen Kredit schnell zurück, weil Cocos Modeklitsche zum Imperium mutiert, und heiraten lässt sie sich auch nicht, weil sie niemals nur einem Mann gehören will.

Das wird sie auch nicht, aber das spart Anne Fontaine komplett aus. Als es spannend wird, ist der Film zu Ende, denn ihr Ansatz ist "Coco avant Chanel" (Coco vor Chanel), so der französische Originaltitel. Von ihrer heißen Affäre mit einem Nazi kein Wort. Die Liaison mit Igor Strawinsky erzählt ein anderer Film, der 2009 in Cannes Weltpremiere feierte, noch keinen deutschen Verleih hat und noch öder ist als die gepflegte Langeweile, die Fontaine hier verbreitet. In hübschen Bildern wird hier der erste Teil der Lebensgeschichte Chanels chronologisch aneinandergereiht. Kein moderner Ansatz zum Verständnis einer komplexen Frauenfigur, die ihrer Zeit weit voraus war. Immerhin nimmt sich die Regisseurin viel Zeit für ihre Figuren, auch wenn diese dadurch nicht immer tiefer durchleuchtet werden.

Allein Audrey Tautou spielt zunächst tapfer gegen das uninspirierte Drehbuch an, jedoch scheint auch sie irgendwann davon gelangweilt, rauchend im Pyjama ihres Lovers den Schmollblick aus dunklen Knopfaugen zu zelebrieren. Mit viel gutem Willen kann man sagen, die Erzählhaltung sei genauso so schnörkellos wie Chanels Mode. Letztere allerdings war damit überraschend anders - ein Attribut, dass man diesem gut gemeinten, aber nur halb so gut gemachten Chanel-Biopic nicht zuschreiben kann.

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