"Auf einmal": Wenn Freunde zu Feinden werden

Auf einmal
Julia Jentsch (als Laura) beeindruckt durch ihr intensives Spiel. Foto: MFA/Emre Erkmen © deutsche presse agentur
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Die Hölle liegt gleich hinter der schönen Fassade der deutschen Provinz. Wenn man dahin schaut, entdeckt man bisweilen, wie Freunde in Konfliktsituationen zu Fremden oder gar Feinden werden und sich gegenseitig das Leben zur Qual machen.

Ein solches Zerwürfnis inszeniert die in Berlin und Istanbul lebende Filmemacherin Asli Özge ("Men on the bridge", "Lifelong") in ihrem Drama "Auf einmal", das seine Premiere als hochgelobter Beitrag bei der diesjährigen Berlinale feierte. Beim Istanbul Film Festival 2016 gewann das deutschsprachige Kino-Debüt der türkischen Regisseurin den Preis der Filmkritikervereinigung Fipresci.

Özge, die auch das Drehbuch geschrieben hat, schickt ihre Charaktere in einen Nervenkrieg. Die Geschichte beginnt mit einem Zwischenfall, der für den Protagonisten Karsten (Sebastian Hülk) zunehmend zur Bedrohung wird.

Bislang ist Karstens Welt - zumindest vordergründig - in bester Ordnung: Er lebt mit seiner Freundin Laura (Julia Jentsch) in einer schicken Wohnung. Er hat Erfolg in seinem Job als Banker. Er genießt die Zeit mit seinen Kumpels. Dann aber gerät alles ins Wanken.

Nach einer Party bleibt eine hübsche Fremde namens Anna einfach bei Karsten in der Wohnung. Die beiden knutschen ein bisschen miteinander, und plötzlich bricht Anna einfach zusammen. In Panik rennt Karsten zur Klinik ein paar Straßen weiter, um Hilfe zu holen, statt direkt einen Krankenwagen zu rufen. Ein verhängnisvoller Fehler. Denn während Karsten weg ist, stirbt Anna. Muss er sich nun wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten?

Als Polizei und Gericht Karstens Unschuld in Frage stellen, degradiert ihn erst sein Chef, dann wenden sich seine Freunde von ihm ab, Laura zieht aus. Seine Eltern stehen ihm zwar zur Seite, sind dabei aber vor allem darum bemüht, den schönen Schein der Familienehre zu wahren. Karsten ist außer sich. Aber kampflos will er nicht aufgeben. Und so beginnt er, die Heucheleien und Schwächen seiner Mitmenschen für einen persönlichen Rachefeldzug zu nutzen.

Das Drama spielt in der gesättigten Mittelschicht der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Altena. Die Häuser in dem Provinznest kauern sich in einem Tal zusammen, über dem herbstliche Berghänge dräuen. So hält der Film für die Charaktere eine nervenaufreibende Versuchsanordnung bereit: einen Mikrokosmos voller Misstrauen, der die Menschen in Konventionen gefangen hält und abweichende Verhaltensmuster nicht zulässt.

In dieser geschlossenen Gesellschaft prallen zwei starke Darsteller aufeinander wie Titanen in einem Psychokrieg: Sebastian Hülk in der Hauptrolle und Julia Jentsch in der wichtigsten Nebenrolle. Hülk spielt sich durch Karstens Gemütszustände wie ein Seemann, der den Gedanken an den erlittenen Schiffbruch einfach nicht zulassen will und sich deshalb betont lässig gibt.

So nährt er die Zweifel an der Unschuld des jungen Mannes: bei seinen Freunden wie vermutlich auch bei vielen Zuschauern im Kinosaal, vor allem aber bei seiner Freundin Laura alias Julia Jentsch. Hülks Schlagabtausch mit ihr ist ein tolles Stück Schauspielkunst. Denn Jentsch vermag in ihr Mienenspiel gleichzeitig Hoffnung, Verletzung und Schmerz zu legen.

Die Regisseurin Asli Özge jedenfalls zwingt das Publikum, die Konstellation der Charaktere wieder und wieder zu hinterfragen: Wer fällt hier eigentlich wem zum Opfer? Aus der Einsicht, dass sich die Frage wohl nicht eindeutig beantworten lässt, speist sich die Wucht des Dramas. Ein beklemmend intensiver Film.

Auf einmal, D/NL/F 2016, 112 Min., FSK ab 12, von Asli Özge, mit Sebastian Hülk, Julia Jentsch, Hanns Zischler


Quelle: DPA
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