Anthony Hopkins teuflisch gut: 'The Rite - Das Ritual'

3,5 von 5 Punkten

Aufs Ekligste verzerrte Gesichter, Köpfe, die sich komplett verrenken und kleine Mädchen, die Erbsensuppe an die Wand spucken – das sind die klassischen Bilder, die man mit jedem Exorzisten-Thriller verbindet. Aber es geht auch anders. Anthony Hopkins setzt als Teufelsaustreiber im Vatikan zwar mehr auf wohlig-schaurigen Grusel statt auf soliden Horror, zeigt aber, dass er knapp zwanzig Jahre nach seiner oscarprämierten Rolle als menschenfressender ‚Hannibal Lecter’ auch in priesterlicher Soutane noch sehr furchteinflößend sein kann – vor allem, wenn der Teufel höchstpersönlich von seinem Körper Besitz ergreift.

Und dabei fängt alles noch recht harmlos an. Der in Glaubensfragen eher skeptische Priesteranwärter Michael Kovak (Colin O’Donoghue, bislang vor allem durch seine Rolle als smarter Herzog Phillip in der Serie ‚Die Tudors’ bekannt) soll in Rom den Ritus des Exorzismus erlernen. Ziemlich widerwillig macht sich der Bestattersohn auf die Reise nach Italien, war das Studium der Theologie doch nur Mittel zum Zweck, um dem für ihn ansonsten vorbestimmten Weg des Leichenbestatters zu entfliehen. Ernsthaft an seine Berufung als Priester hat er nie geglaubt, doch sein Mentor an der Uni glaubt an den Zögling – und erpresst ihn sogleich. Entweder der Exorzismus-Kurs in Rom, oder die vorfinanzierten Studiengebühren sind fällig. Na vielen Dank aber auch.

Natürlich fruchtet der Kurs bei dem hartnäckigen Glaubensverweigerer kein bisschen, also hilft nur eines: Der unorthodoxe Pater Lucas Trevant (Anthony Hopkins) muss den notorischen Zweifler eines Besseren belehren. Und fackelt nicht lange: Bei einer Dämonenaustreibung an einer jungen, schwangeren Frau zeigt er Michael, wie heimtückisch das Böse im Menschen anscheinend wirken kann. Dabei bleibt er aber so souverän, dass es schon fast komisch ist - etwa wenn während des Rituals das Handy des Paters klingelt und dieser Michael auffordert, mal eben weiterzumachen. Aber auch die rostigen Nägel, die die junge Frau ausspuckt (es muss ja nicht immer Erbsensuppe sein), beeindrucken ihn nicht: Für Michael offenbart sich hier nicht der Teufel, sondern eine psychisch ernsthaft kranke Frau, die eher Medikamente als einen Exorzisten braucht.

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Hopkins' intensive Leistung lässt das Blut in den Adern gefrieren

„Du kannst dich entscheiden, nicht an den Teufel zu glauben, aber das schützt dich nicht vor ihm“, warnt Lucas den Zweifler. Und im Zweifel gegen den Zweifel: Spätestens, wenn ein von einem Dämon besessener kleiner Junge ihm den Tod des Vaters voraussagt (erschreckend autoritär von Alt-Star Rutger Hauer gespielt), bekommt es Michael mit der blanken Panik zu tun. Bis dahin punktet der düstere und – wie es sich gehört - ganz in dunkle, unheilschwangere Farben getauchte Thriller vor allem mit seiner beklemmenden Atmosphäre, die das Grauen eher andeutet. Leider schwappt schon bald eine ganze Armada an kitschigen und zuweilen etwas übertriebenen Symbolen auf den Zuschauer ein: Esel mit blutroten Augen, Dutzende von eklig-schleimigen Fröschen und natürlich unzählige sich auf den Kopf stellende Kreuze bereiten Michael auf die finale Schlacht mit dem Bösen vor.

Und wenn sich der Leibhaftige selbst des Körpers von Pater Lucas bemächtigt – spätestens dann kann Anthony Hopkins endlich zeigen, dass ihn das Böse seit seiner legendären Darstellung des fiesen Hannibal Lecter in ‚Das Schweigen der Lämmer’ offensichtlich auch nicht mehr losgelassen hat. „Gott ist nicht hier, Priester!“, spuckt dieser dem Zweifler in einer der stärksten Szenen des Films so angsteinflößend entgegen, dass dem Zuschauer das Blut in den Adern gefriert. Lange hat man den walisischen Schauspieler nicht mehr so unerbittlich böse und intensiv auf der Leinwand gesehen. Der dagegen eher blutarm agierende O’Donoghue wird von Hopkins dabei regelrecht an die Wand gespielt – und das ironischerweise absolut wortwörtlich.

Regisseur Mikael Hafstrom (‚Zimmer 1408’) hat mit der Verfilmung des auf wahre Begebenheiten beruhenden Stoffes keineswegs einen platten Exorzismus-Schocker geschaffen, wie es sie in den letzten Jahrzehnten seit dem großen Erfolg des Kult-Hits ‚Der Exorzist’ (1973) immer wieder gegeben hat. Das Böse kommt nicht nur lächerlich-fratzenhaft verzerrt daher, sondern zeigt sich oft viel subtiler in düsteren Andeutungen – auch wenn die Besessenen zwischendurch mal ganz dramatisch das ein oder andere Auge verdrehen. Schließlich muss man den klassischen Hollywood-Konventionen ja gerecht werden. Und die ewig-gültigen Grundfragen, die der Film aufwirft – warum sind wir böse, was können wir dafür? – dürften auch für diejenigen spannend sein, die mit der katholischen Kirche oder Religion im Allgemeinen so rein gar nichts am Hut haben. Aber schon alleine die schauspielerische Wucht Hopkins’ ist der Kinobesuch allemal wert. Daran zumindest besteht kein Zweifel.

Von Norbert Dickten

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