Anorak-Opi Harrison Ford in "Crossing over"

Anorak-Opi Harrison Ford in "Crossing over"

Von Mireilla Zirpins

Harrison Ford macht mal nicht auf jugendlich getrimmter Actionheld, sondern auf Opi, der fürs Gute kämpft. Normalerweise spielt Tommy Lee Jones diese verbitterten und verwitterten älteren Herren im George-W.-Bush-Gedächtnisanorak, die grummelnd über die Missstände in den Vereinigten Staaten einen David-gegen-Goliath-Kampf beginnen. Tommy hat das aber schon so oft gemacht, dass jetzt Harrison Ford auch mal darf.

Und so lässt Ford es einfach mal zu, dass er ein bisschen hüftsteif läuft und seine Stirn sich in Falten legt, wenn er besorgt guckt – das macht gleich doppelt so viel Gesichtsausdruck. Den kann er als Spezialagent der Einwanderungsbehörde auch gut gebrauchen. Sein Max Brogan stöbert nämlich in den Sweatshops von Los Angeles illegale Einwanderer auf, um sie gnadenlos abzuschieben. Kein schöner Job. Im Laufe der Jahre hat Brogan das auch gemerkt. Richtige Gewissensbisse bekommt er jedoch erst, als ihm bei einer Räumungsaktion eine junge Mexikanerin (Alice Braga) um Hilfe bittet. Wenn sie des Landes verwiesen wird, ist ihr kleiner Junge allein.

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Anorak-Opi Harrison Ford in "Crossing over"

Brogan hadert mit sich, verlässt aber schließlich die Legalität und versucht, das Kind zu seinen Großeltern über die Grenze zu bringen. Diese Geschichte verwebt Regisseur Wayne Kramer mit einer ganzen Reihe anderer Handlungsstränge zu einem Episodenfilm zum Thema ‚Traum von der Greencard’. Da ist eine junge Schauspielerin aus Australien, die die Genehmigung ihrer Aufenthaltserlaubnis gern ein bisschen beschleunigen würde und dafür sogar die Beine breit macht. Ihr musizierender britischer Boyfriend versucht es anders: Er gibt sich als Rabbi aus. Und der Behördentyp, mit dem sie schläft (schön prollig: Ray Liotta), ist zufällig verheiratet mit der Anwältin (Ashley Judd), die eine junge Muslimin vor der Abschiebung bewahren will. Denn das Mädchen hat bei einem Schulreferat ein bisschen zu viel Verständnis für die Attentäter von 09/11 gezeigt…

Ein paar Episoden sind leider zu viel, was die Figurenkonstellation unübersichtlich und eine Identifikation schwer macht. Dabei sind wirklich starke Geschichten dabei. Das Schicksal der jungen mexikanischen Mutter und des vermeintlich radikalen Kopftuchmädchens sind wirklich ergreifend, wenn auch etwas kalkuliert inszeniert. Zudem erzählt Kramer jeden noch so kleinen Handlungsstrang mindestens einmal zu Ende und nervt mit ständigen Vogelperspektiven auf die Orte des Geschehens. Man hätte es auch so verstanden. Zudem kann man dem Zuschauer auch mal die eine oder andere Leerstelle zumuten.

Deshalb kann „Crossing Over“ mit den deutlich erkennbaren Vorbildern „Babel“ oder „L.A. Crash“ nicht mithalten, obwohl die Darsteller meist einen prima Job machen. Harrison Ford, sonst seit Jahrzehnten gewohnt, als Zugpferd Blockbuster-Produktionen anzuführen, gibt hier mal nicht den Leading Man, sondern reiht sich mit seinem uneitlen Spiel ins Ensemble ein. Das ist ja auch mal sehenswert.

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