Anne Hathaway als kaputter Junkie: ’Rachels Hochzeit’

Anne Hathaway als kaputter Junkie: ’Rachels Hochzeit’

So hat man die sonst eher zugeknöpfte Aktrice noch sie gesehen: Blass, mit stumpfen Haaren und Motzfresse spielt sie die ziemlich abgefuckte Schwester der Braut.

Von Mireilla Zirpins

Nach ’Bride Wars’ gleich noch ein Hochzeitsfilm mit Anne Hathaway? Und das, wo es gerade in ihrem Privatleben nicht so doll läuft? Nein, keine Sorge. Die schöne Schauspielerin kompensiert hier nicht etwa ihre eigenen, nach der Trennung von Betrüger Raffaello Follieri auf Eis gelegten Heiratspläne. Und sie spielt auch gar nicht die Braut. Denn hier heiratet Rachel (Rosemarie DeWitt), und die ist die große Schwester von Kym (Anne Hathaway).

Kym hingegen ist das schwarze Schaf der Familie. Am Anfang des Films wird sie von ihrem Vater aus der Entzugsklinik abgeholt. Die Familienkutsche darf sie nicht fahren. ’Weißt du, was ich jetzt an Versicherung zahle?’ wiegelt der Vater vorsichtig ab. Und bevor es mit der Eitel-Sonnenschein-Trauung auf dem Land so richtig losgeht, muss Kym erstmal bei ihrem 12-Steps-Meeting vorbei. In einen Becher pinkeln für den Drogen-Urintest. Und mantraartig die Gebote der Selbsthilfegruppe herunterleiern.

Daheim bei den Eltern laufen die Hochzeitsvorbereitungen der Schwester auf Hochtouren. Nur Kym hilft nicht. Die kleine Schwester ist es gewohnt, eine Extrawurst zu bekommen und springt lieber auf einen Quickie in die Garage, als sie unter den Gästen einen Leidensgenossen aus ihrer Gesprächsgruppe entdeckt. Eine ungewöhnliche Rolle für die sonst eher zugeknöpfte Anne Hathaway. Doch die oft unlocker und verspannt wirkende Aktrice (vgl. das hier verlinkte exklusive Videointerview) genießt es sichtlich, hier einmal völlig aus sich herausgehen und ihre dunkle Seite auszuloten zu können. Und sie bekommt in ’Rachels Hochzeit’ reichlich Gelegenheit dazu.

Denn im Laufe von Jonathan Demmes (größte Hits: ’Das Schweigen der Lämmer’, ’Philadelphia’) stillem, aber sehr intensivem Drama wird so manches düstere Familiengeheimnis aus der Versenkung geholt. Und bald liegt ein Schatten über dem eigentlich so heiteren Fest. Der geht eindeutig von Kym aus. Sie, die jahrelang den Kontakt zu ihrer großen Schwester vermieden hat, will auf einmal Trauzeugin sein, obwohl bereits Rachels beste Freundin für diese Aufgabe engagiert wurde.

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Anne Hathaway als kaputter Junkie: ’Rachels Hochzeit’

Und auch sonst versucht Kym mit allen Mitteln, sich in den Vordergrund zu drängen. Rachel fürchtet, den einen Tag in ihrem Leben, in dem sie als Braut im Mittelpunkt stehen sollte, auch noch an die nervige kleine Schwester zu verlieren und greift zur letzten Verzweiflungstat: Etwas früher als geplant posaunt sie die frohe Botschaft von ihrer Schwangerschaft heraus. Stimmung!

Leider trägt die Geschichte trotz des ausgeprägten Konfliktes nicht für eine Spielzeit von 112 Minuten, und so geht einem das betont versöhnliche Multikulti-Hochzeits-Getue der Schwester bald ebenso auf den Senkel wie Kym. Die gestörte Protagonistin stürzt den Zuschauer in Gefühlsschwanken zwischen Mitgefühl, Verständnis und Ärger. Denn dieses Junkie-Mädchen ist so kaputt, dass es überhaupt nicht vorhat, aus seinem schwarzen Loch jemals wieder herauszukommen, sondern am liebsten jeden noch mit in den Abgrund ziehen würde.

Wie die sonst immer wie aus dem Ei gepellt wirkende Anne Hathaway mit selbstzerstörerischem Haarschnitt und nervösem Heischen nach Aufmerksamkeit durch das bürgerliche Haus ihrer Eltern schleicht, immer auf der Suche nach Trouble, das ist schon eine großartige Vorstellung. Völlig schonungslos setzt sie sich nackt in die Badewanne, den ganzen Körper übersät mit blauen Flecken, und weint, dass einem der Atem stockt.

Leider fallen die anderen Darsteller gegenüber diesem intensiven Spiel deutlich ab. Sie werden zu Opfern von Demmes stark improvisierender Inszenierung, die pseudodokumentarisch daher kommen will, aber manchmal ungelenk wirkt. Declan Quinns oft subjektive Kamera unterstreicht den Eindruck dieser One-Woman-Show noch zusätzlich. So lohnt sich der Film hauptsächlich wegen Anne Hathaway, von der wir hier eine wirklich ganz andere Seite kennen lernen als wir sie aus Komödien wie ’Der Teufel trägt Prada’ oder ’Get Smart’ kennen. Davon gerne mehr – aber vielleicht beim nächsten Mal ohne Räucherstäbchen-Hochzeit.

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