'Anna Karenina' in der RTL Kinopreview - Filmkritik

Jude Law und Keira Knightley in 'Anna Karenina'
Jude Law und Keira Knightley

3,5 von 5 Punkten

Wer hätte noch eine weitere Verfilmung von Tolstois mittlerweile thematisch etwas angestaubtem Ehebruch-Roman 'Anna Karenina' gebraucht, der 1935 erstmals mit Greta Garbo in der Hauptrolle auf die Leinwand gebracht wurde? Für Joe Wrights Projekt spricht, dass er zwei richtig gute Ideen hatte: Die Titelrolle mit Keira Knightley zu besetzen, die nie schöner aussah als mit Locken und Pelzkragen, und das Ganze nicht als realistische Erzählung anzulegen wie in der Buchvorlage, sondern die Story wie eine Traumwelt am Theater zu entfalten. Gegen Wright spricht, dass er sein Konzept nicht bis zum Ende durchhalten kann.

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Dabei fängt die Inszenierung atemberaubend an: Unter lautem Knarzen hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine mehrschichtige Bühne, auf der sich die dekadente russische High Society der 1870er Jahre tummelt, in der die Fassade alles ist. In St. Petersburg lebt die schöne Anna Karenina (Knightley) mit ihrem prinzipientreuen Politikergatten Karenin (sonst eher auf schlimme Finger abonniert, aber hier ein langweiliger Rumsitzer: Jude Law). Was sie in ihrer Ehe vermisst, merkt Anna erst, als sie mit dem Zug ins ferne Moskau reist. Mit gekonnten Schnitten und hübschen Spielereien wie einem Spielzeugzug wechselt Regisseur Wright, der Keira Knightley nach ‚Stolz und Vorurteil‘ und ‚Abbitte‘ zum dritten Mal in einer Hauptrolle besetzt, zwischen den Schauplätzen und zwischen Phantasie und Realität hin und her.

Gegen Ende mit dem eigenen Konzept überfordert

Aaron Taylor-Johnson und Keira Knightley in 'Anna Karenina'
Aaron Taylor-Johnson und Keira Knightley

Dort soll Anna ihren ehebrüchigen Bruder Oblonskij (kraftvoll: Matthew Macfadyen, der Darcy aus ‚Stolz und Vorurteil‘) mit seiner Gattin Dolly (als brünette Brave kaum wiederzuerkennen: Ex-Bondgirl Rosamund Pike) versöhnen. Doch ausgerechnet Anna verschenkt schon am Bahnsteig ihr Herz an den Schürzenjäger Graf Vronskij (farblos: Aaron Taylor-Johnson aus ‚Savages‘). Von dem erwarten alle, dass er die blutjunge Kitty (süß: Neuentdeckung Alicia Vikander) in die Ehe führt. Doch Kitty, die den aufrichtigen Heiratsantrag von Oblonskijs Freund Levin (Domhnall Gleeson, der Bill Weasley aus ‚Harry Potter‘) abgelehnt hat, wird bitter enttäuscht: Vronskij macht Anna schamlos den Hof, und bald sind die beiden ein Liebespaar – vor den Augen der gesamten feinen Gesellschaft.

Damit machen sie sich nicht nur Kitty zur Feindin, sondern auch alle diejenigen, die genauso prinzipientreu sind wie Annas liebender Gatte. Der verschließt zunächst die Augen vor Annas Liaison, solange sie nur bei ihm bleibt. Doch als Anna schwanger wird und mit Vronskij durchbrennt, erwacht auch in Karenin blanker Hass. Wie es ausgeht, weiß jeder, der eine der anderen Verfilmungen gesehen oder den Roman gelesen hat. Allen anderen wollen wir das hier nicht verraten, damit wenigstens sie ein bisschen Spannung empfinden, die dem Film in der zweiten Hälfte leider fehlt.

Regisseur Wright kann das Spielerisch-Traumtänzerische seiner Theaterwelt leider nicht bis zum Ende fortführen. Zwischenzeitlich wundert man sich, warum die Schauspieler in den Realpassagen im Ballettschritt umeinander her tänzeln und mit theatralischer Geste Briefe zerreißen. Offenbar ist Wright zu seinem eigenen Ansatz irgendwann nichts mehr eingefallen. Auch Keira Knightley, die in der ersten Hälfte großartig aufspielt und noch nie so sinnlich zu sehen war, lässt gegen Ende deutlich nach. Annas Wahnsinn reduziert sich auf ein zitterndes Kinn und Lippenbeißen. Das ist doch ein bisschen wenig. Dazu bleiben ihre Männer beide so blass, dass man sich fragt, wie Anna überhaupt auch nur einem von ihnen verfallen konnte. Während man sich gerade noch ärgerte, dass Wright zwischenzeitlich seine Hauptdarsteller vernachlässigt, entdeckt man plötzlich, dass die Nebenfiguren zum Teil mit großartigen Darstellern besetzt sind. Und das macht einiges wieder wett.

Von Mireilla Zirpins

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