Angela Merkel: Wie menschlich ist unsere Kanzlerin?

Angela Merkel: Wie menschlich ist unsere Kanzlerin?
Blick nach oben: Angela Merkel © ddp images

Heute hat Angela Merkel Geburtstag: Sie wird 61 Jahre alt, und nach Feiern ist ihr kaum zumute, denn sie erlebt einige der schwersten Tage ihrer Karriere als Bundeskanzlerin. Da sind die gewaltigen politischen Verwerfungen um Griechenland und der Europakrise, die Abstimmung im Bundestag, die massiven Anfeindungen in In- und Ausland.

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#merkelstreichelt

Dazu tobt seit gestern Abend bei Twitter ein Shitstorm gegen Merkel, bei dem sich zahllose Menschen unter dem Hashtag "#merkelstreichelt" über die "kalte", "emotionslose", "Empathie-unfähige" und "unmenschliche" Kanzlerin empören.


"Du hast das doch prima gemacht"

Anlass war "ein PR-Auftritt wie ein Formel 1-Unfall" (Autorenblog Carta), bei dem Angela Merkel vor laufenden Fernsehkameras beim "Bürgerdialog" in Rostock auf Flüchtlingskinder traf, denen sie u.a. erläuterte: "In den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch Tausende und Tausende, und wenn wir jetzt sagen 'Ihr könnt alle kommen' (...) das können wir jetzt auch nicht schaffen."


Als daraufhin eine 13-jährige Libanesin, die zuvor ihre Verzweiflung über eine drohende Abschiebung geäußert hatte, in Tränen ausbrach, wirkte die Kanzlerin hilflos und zutiefst betroffen. Sie ging auf das Mädchen zu, streichelte ihm die Wange und sagte: "Ach komm, du hast das doch prima gemacht", worauf der Moderator spitz anmerkte: "Ich glaube, Frau Bundeskanzlerin, dass es hier nicht ums Prima-Machen geht."


Merkel antwortete reaktionsschnell: "Ich weiß, dass das eine belastende Situation ist, aber trotzdem möchte ich sie einmal streicheln."


Mutti, die Eiskönigin?

Diese Reaktion stieß bei Tausenden von Deutschen auf großes Unverständnis, und viele fragen sich: Wie menschlich ist unsere Kanzlerin, die man in Berlin ironisch "Mutti" nennt?


"Bild" zeigt sie vor einigen Tagen als eiserne Regierungschefin mit preußischer Sturmpickelhaube. Und der "Stern" titelte: "Die Eiskönigin. Wie Angela Merkel zur meistgefürchteten Frau Europas wurde". Eine Meinung, die keinesfalls exklusiv rüberkommt, denn bereits drei Jahre zuvor schrieb die "Mittelbayrische Zeitung": "Merkel herrscht als Eiskönigin: Unangefochten, präsidial, in Europa unabkömmlich, beim Volk beliebt - aber einsam."


Indiz für diese Feststellung war einmal mehr ihr beherrschter, eisiger Umgang mit Parteifreunden wie Christian Wulff und Norbert Röttgen sowie (vor Jahrzehnten) ihr kühler Umgang mit Altkanzler Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble. Seitdem hat sie das Image einer äußerst beherrschten, willensstarken und emotionslosen Politik-Karrieristin weg. Ist sie wirklich so?


Umschalten von Kopf auf Bauch

Der Kölner Sozialpsychologe und Coach Christián Gálvez nimmt in einem Interview mit dem Mediendienst "Meedia" Merkels Verhalten in Rostock in Schutz: "Was die Fernsehaufnahmen zeigen, ist ein wirklich beeindruckendes Lehrstück über den menschlichen Umgang mit Grenzerfahrung, Hilflosigkeit und Kontrollverlust... Ich finde, Angela Merkel hat auf ihre Art höchst menschlich reagiert. Sie hat den Kontext des Kindes im Kopf sehr schnell erfasst, allerdings fehlte es ihr an Einfühlungsvermögen, wie sie sich gegenüber dem weinenden Mädchen verhalten soll. Wir dürfen nicht vergessen: Merkels natürlicher Verhaltensstil ist aufgaben- und sachorientiert und damit stark kognitiv geprägt. Hier ist plötzlich eine menschenorientierte Sichtweise gefragt, nicht im Kopf, sondern im Bauch."


Wie also tickt die Kanzlerin beziehungsweise ihr Bauch? Die an sich seltsame Frage gilt als eines der größten Geheimnisse dieser Republik, vor allem in der Bundeshauptstadt. In allen Medien und politischen Zirkeln raunt man sich diverse, nicht immer ernstzunehmende Hinweise auf ihre Menschlichkeit (sprich: Normalität) zu.


Wie unverkrampft ihr Umgang in Fußballern, namentlich deutschen Nationalspielern, (bei großen Siegen) sei und wie gut ein gefühlsechter Typ wie Lukas Podolski mit der Kanzlerin könne. Wie "entspannt, normal, fast heiter" ("Bild") der Umgang der kinderlosen Angela Merkel mit ihren beiden Enkeln (aus der ersten Ehe ihres Mannes, Chemieprofessor Joachim Sauer) sei. Dass die Kanzlerin ihrem Mann so oft es geht das Frühstück mache und an manchen Wochenenden die ganze Familie (Mann, Kinder, Enkel) in ihrer Datsche in der Uckermark bekoche. Lieblingsrezept: Kartoffelsuppe, mit Speck und Majoran, gestampft, nicht püriert.


Als weiteres Indiz ihrer unverstellten Normalität gilt die Tatsache, dass die Regierungschefin privat noch zur Miete wohnt, im Berliner Museumsviertel, Kupfergraben Nr. 6, vierter Stock, mit Aufzug. Unten steht das Klingelschild: "Prof. Sauer".


Gern gesehener Urlaubsgast

Der Italiener Espedito Morieri lieferte auch einen Beweis für Merkels Umgang mit Menschen. Er ist Direktor des Hotels Miramare in Sant Angelo auf Ischia, wo das Ehepaar Merkel-Sauer häufig ihre Sommerfrische verbrachte. "Sie ist total normal, ganz einfach, ist dankbar für alles, was wir machen. Sie mag alles, was deutsche Gäste mögen, sie ist so menschlich, ich habe dafür keine Worte, unglaublich...", schwärmt Morieri. Vielleicht sollte das Ehepaar mal Urlaub in Griechenland machen...


Die Frauenzeitschrift "Brigitte" listete vor geraumer Zeit einen Katalog von 60 Punkten auf, die eigentlich gegen das Wesen einer Eiskönigin sprechen, z.B. dass die kleine Angela Eiskunstläuferin werden wollte. Oder Ballerina. Dass ihr Lieblingskuschelsong "Je t'aime" war. Dass sie mit 18 Jahren auf ihrer Abiturfeier das erste Mal total betrunken war. "Nachts um vier Uhr fiel sie aus einem Boot. Schuld war der Kirsch-Whisky." Dass sie am liebsten Entenbraten isst und Döner, ohne Soße, nur mit Fleisch, Salat, Zwiebeln, Tomaten und Weiß- und Rotkraut. Dass sie eine sehr gute Imitatorin ist und am besten Jacques Chirac und Wladimir Putin nachmachen kann. Dass sie davon träumt, eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn in die Mongolei zu machen.


Coach Christián Gálvez findet denn auch, dass der Shitstorm nach der Begegnung mit den Flüchtlingskindern nicht nachvollziehbar sei. "Merkels Reaktion zeigt, dass sie auf der Emotionsebene getroffen wurde. Es hat sie berührt... Merkel legt dem Kind ungewöhnlich lange die Hand auf die Schulter und bleibt dadurch in Kontakt. Eine solche körperliche Bindung ist für Merkel sehr untypisch. Ihr scheint es wichtig zu sein. Tatsächlich verändert sich dadurch auch die Physiognomie des Mädchens."


Schlussanmerkung: Interessanterweise wurden Bundeskanzlerin Merkels männlichen Vorgängern Adenauer, Ehrhard, Kiesinger, Schmidt, Kohl oder Schröder nie die Frage nach ihrer Menschlichkeit gestellt.



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