Als Deutsche im US-Knast: "Es war eine Art menschliches Warenlager"

Als Deutsche im US-Knast: "Es war eine Art menschliches Warenlager"
Stefanie Giesselbachs Buch "Meine abgeschminkten Jahre: Wie ich im amerikanischen Frauenknast landete" © Piper, SpotOn

"Meine abgeschminkten Jahre"

Als sie 2008 in Chicago verhaftet wird, ist die Hamburger Geschäftsfrau Stefanie Giesselbach noch nicht mal 30. Sie soll für die dubiosen Zollgeschäfte ihres Arbeitgebers büßen, verliert ihren Job, kommt bei Freunden unter, Ermittlungen und Prozess ziehen sich über Jahre hin. Obwohl Giesselbach, die ihre Geschichte in "Meine abgeschminkten Jahre" (Piper, 352 Seiten, 15 Euro) erzählt, mit den Behörden in den USA zusammenarbeitet, war lange nicht klar, dass sie wirklich ins Gefängnis muss. Bis die Richterin sie am Ende doch verurteilt und sie fast ein Jahr im US-Knast verbringt.

"Absolute Leere", beschreibt Giesselbach ihre Gedanken in dem Moment, in dem das Urteil fiel. Im Interview mit spot on news erklärt sie weiter: "Ich drehte mich geschockt zu meinen Freunden um: Sie weinten. Mein Anwalt wagte es kaum, mich anzusehen. Das erste, was ich dachte war: Ich darf nicht nach Hause. Immer noch nicht. Viereinhalb Jahre von Amerika festgehalten zu werden, Ungewissheit, das Leben in einer Dauerwarteschleife, dazu mit den Behörden kooperieren, Fußfessel, Hausarrest - all das sollte noch nicht Bestrafung genug gewesen sein?! Ich konnte es nicht fassen. Mein nächster Gedanke galt meinem Freund und meinen Eltern. Ich musste sie anrufen und ihnen sagen, ich würde immer noch nicht nach Hause kommen."

"Man muss ein dickes Fell haben"

"Ich bin - sowohl während der fünfeinhalb Jahre, aber auch nach meiner Rückkehr - schon immer sehr offen damit umgegangen, was mir in Amerika passiert ist", sagt Giesselbach über ihr Buch. "Es war mir wichtig, noch einmal meine ganze Geschichte zu erzählen. In den USA war ich dem Wohlwollen und der Willkür der Behörden ausgeliefert. Der Staatsanwalt nannte mich am Anfang noch förmlich Miss Giesselbach, zum Schluss war er ungefragt zu einem vertrauten Steff übergegangen. Das hat ihn jedoch nicht davon abgehalten, mit den Medien über mich zu reden, so wie es für seinen Fall gerade passte."

Sie habe sich "überhaupt nicht wiedererkannt", so die Sales-Managerin. "Da muss man ein dickes Fell haben und sich vornehmen: Irgendwann werde ich die Gelegenheit haben, meine Geschichte zu erzählen. Nicht als Abrechnung, sondern als Warnung: So schnell kann es gehen. Nach all dem positiven Feedback, was ich über die Jahre und besonders jetzt bekomme, bin ich wirklich froh, diesen Schritt gegangen zu sein."

Etwa ein Jahr war Giesselbach im Gefängnis Hazelton, wegen der Ermittlungen und dem Prozess saß sie fast fünf Jahre in Chicago fest. Wie denkt sie heute über diese Zeit? "Natürlich habe ich - gerade als Frau - wichtige Jahre (29 - 35) verloren. Ich bin jedoch nicht verbittert und habe meinen Frieden mit allem gemacht. So war halt mein Leben, und das ist auch okay. Heute bin ich 38 und habe in erster Linie das Bedürfnis "nachzuholen". Ich möchte um die Welt reisen, Zeit mit meiner Familie verbringen, Freunde treffen und das Leben genießen."

Neue Freundschaften im Gefängnis

Im Gefängnis ist Giesselbach auf Frauen getroffen, die teilweise jahrzehntelange Strafen verbüßen. "Allgemein fand ich schlimm, dass Amerika im vergangenen Jahrzehnt Frauen als neue Einnahmequelle entdeckt hat", erklärt sie. "Der prozentuale Anteil an inhaftierten Frauen wächst seit ein paar Jahren unverhältnismäßig schnell (früher wurden nur die Männer inhaftiert und die Mütter in der Regel bei den Kindern gelassen). Viele Kinder wachsen daher über Jahre oder Jahrzehnte ohne ihre Mutter auf. Sie können sie noch nicht einmal besuchen, da die Gefängnisse meist sehr abgelegen sind (ohne Auto hat man in Amerikas ländlichen Gebieten keine Chance). Die Familien sind kaputt und die nötigen finanziellen Mittel fehlen. Meine letzte Zimmernachbarin hatte sieben Kinder, die sie seit ihrer Verhaftung vor sieben Jahren (!) nie wieder gesehen hat. Das war für mich unvorstellbar und hat mich sehr berührt."

Sie habe noch Kontakt "zu dieser letzten Zimmernachbarin (im Gefängnis heißt so jemand 'Bunky', da man sich ein bunk bed/Hochbett teilt)", erzählt Giesselbach. "Mit der anderen deutschen Insassin, die ich in Hazelton kennengelernt habe, bin ich heute noch befreundet. Wir haben uns seit unserer Rückkehr schon einige Male getroffen."

Eine Art menschliches Warenlager

Was war für die Deutsche das Schlimmste im US-Gefängnis? "In keinem anderen Land der Welt sitzen mehr Menschen im Gefängnis als in Amerika. Es hat mich schockiert, dass in erster Linie Frauen eingesperrt werden, die arm, psychisch krank und drogenabhängig sind. Gemessen an den Anteilen in der Bevölkerung sitzen verhältnismäßig viele Schwarze, Latinas sowie Minderheiten im Gefängnis. Ich fand es schlimm, dass das Gefängnis eine Art menschliches Warenlager war. Viele werden mit Tabletten ruhiggestellt. Hilfe bekommen die Frauen fast keine und wenn sie entlassen werden, geht es ihnen meist noch schlechter als vorher. Ein Wachmann sagte mir, die Rückfallquote liegt bei 3 von 4. Ich habe es so empfunden, der Staat legt es darauf an, dass sie scheitern. Unter Trump wird es noch schlimmer werden."

"Ein weiterer Punkt: Die drakonischen Strafen, die die Frauen teilweise absitzen mussten, waren mir als Europäerin, gemessen an der Schwere des Straftat, teilweise unerklärlich. In anderen Fällen fiel es mir schwer zu begreifen, dass ich - meine Strafe war die niedrigste von allen - nun mit Frauen einsaß, die für einen dreifachen Mord knapp an der Todesstrafe vorbeigeschrammt waren und nun dreimal lebenslänglich (anders als bei uns tatsächlich ein Leben lang) absaßen."

Am meisten überrascht hat Giesselbach im Gefängnis, "dass es trotz allem Solidarität, Freundschaften und Wärme unter den Frauen gibt. Man redet, lacht und hat auch Spaß. Die Frauen lieben es, Geburtstage zu feiern. Tage im Voraus wird geplant, was es zu essen gibt, wer was organisiert. Wie der Raum mit einfachsten Mitteln geschmückt wird. Und dann machen sich die Frauen zurecht. Obwohl sie im Gefängnis sitzen, möchten sie schön aussehen. Viele der Insassinnen sind sehr kreativ. Draußen haben sie jedoch keine Möglichkeit gefunden, die legalen Talente zu Geld zu machen".

"Alle waren total entsetzt"

Während ihrer Zeit im Gefängnis ist Giesselbachs Beziehung mit ihrem Freund in Deutschland in die Brüche gegangen. Wie haben Freunde in der Heimat auf ihre Haftstrafe reagiert? "Die Tage nach dem Urteil habe ich mir die Zeit genommen, meine Familie und alle Freude nach und nach persönlich anzurufen. Es war mir wichtig zu erklären, was genau vor Gericht passiert war. Außerdem war es für mein Umfeld wichtig, Fragen stellen zu können. Ich kannte vorher auch niemanden, der ins Gefängnis muss. Alle waren total entsetzt. Sprachlos. Wütend."

Einige Freundinnen seien so geschockt gewesen, "dass sie am Telefon sofort anfingen zu weinen. Das war für mich natürlich besonders schwer, da ich auf einmal in die Rolle der Trösterin schlüpfen musste. Wer ins Gefängnis geht, geht niemals alleine dorthin. Besonders die Familie, aber auch enge Freunde gehen quasi mit einem ins Gefängnis".

Und wie hat sich ihr Leben seit der Rückkehr entwickelt? "Mein Leben ist großartig! Ich habe eine tolle Familie, viele Freunde", erklärt sie. "Ich arbeite, genieße die Zeit mit meinem neuen Lebensgefährten, reise. Ich bin sehr dankbar für alles, was ich habe oder erleben darf. Nichts ist selbstverständlich und so lebe ich heute sicherlich bewusster als früher. Ich glaube, es gibt nicht viel, was mich nach meiner Erfahrung noch wirklich schocken könnte. Ich kann mich heute nicht mehr über Kleinigkeiten oder Dinge, die ich ohnehin nicht ändern kann, aufregen. Was das angeht, so habe ich mir von den Amerikanern die Einstellung 'Think positive!' angewöhnt."

spot on news