65 Jahre Berlinale: Eine Geschichte voller Stars, Skandale und Staatsaffären

Berlinale
Romy Schneider und Karlheinz Böhm bei der Eröffnung der 5. Internationalen Filmfestspiele im Juni 1955. Foto: Bruechmann © DPA

Im offenen Wagen fuhren sie über den Berliner Kurfürstendamm. In der sommerlichen Stadt säumten Tausende Fans die Straße. Stars wie Romy Schneider, Gary Cooper, Sophia Loren, Maria Schell und James Stewart nahmen auf ihrem Weg zum Kino dann oft ein Bad in der Menge.

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Schon als die Berlinale vor 65 Jahren gegründet wurde, war der Glamour-Faktor riesig. "Die sind in Ohnmacht gefallen!", erzählt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick (68) über die begeisterten Fans der Anfangsjahre. Jean Gabin musste sogar von Polizisten vor Schaulustigen geschützt werden.

Heute sind die Internationalen Filmfestspiele Berlin im oft eisig kalten Februar - die Stars und Fans aber kommen immer noch in Scharen. Gleichzeitig setzt die im Kalten Krieg ins Leben gerufene Berlinale ihre Tradition als das politischste der drei großen Filmfestivals Berlin, Cannes und Venedig fort. In diesem Jahr gewann die aufrüttelnde Dokumentation "Seefeuer" von Gianfranco Rosi über das Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer den Goldenen Bären als bester Film - eine Auszeichnung mit Botschaft.

Am 6. Juni 1951 hob sich im Titania Palast der Vorhang für den ersten Berlinale-Film: Alfred Hitchcocks "Rebecca". Das Festival war zunächst als Zerstreuung für die von Krieg und Blockade gebeutelten Berliner gedacht. Doch die Politik mischte von Anfang an mit. Das von den amerikanischen Alliierten mitorganisierte Festival sollte eine "kulturpolitisch wichtige Schaufensterveranstaltung des westlichen Films gegenüber dem Osten" sein, aber auch zur Völkerverständigung beitragen.

"Das Festival hat die Politik in den Genen", sagt Kosslick. "Der Goldene Bär ist kein Schmusebär!" Die Berlinale lädt in ihrer Heimat unterdrückte Regisseure ein und macht mit brisanten Filmen auf die Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam. Kann die Kunst die Welt besser machen? "Ja, Öffentlichkeit nutzt", sagt Kosslick. "2006 zum Beispiel ging der Goldene Bär an Jasmila Zbanics Film 'Esmas Geheimnis - Grbavica' über die Opfer systematischer Vergewaltigungen im Balkan-Krieg. Danach sind die Vergewaltigungsopfer als Kriegsopfer anerkannt worden."

Die 65-jährige Berlinale-Geschichte ist reich an Skandalen - dabei ging es meist um Sex oder Politik. Gary Cooper wetterte in den 50er Jahren gegen die Kommunistenjagd des US-Senators McCarthy. Jayne Mansfield erregte Aufsehen mit freizügigen Dekolletés - wie Jahrzehnte später die chinesische Schauspielerin Bai Ling, die den Beinamen "Berlinackte" bekam. Die italienischen Rivalinnen Sophia Loren und Gina Lollobrigida ließen sich in Berlin zum einzigen Mal gemeinsam fotografieren.

Julia Roberts stand 1990 Hand in Hand mit einem DDR-Volkspolizisten auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor. George Clooney, Richard Gere und Dustin Hoffman nutzten das Festival, um scharfe Kritik an George W. Bushs Irak-Krieg zu üben. Und um einen Blick auf Leonardo DiCaprio und den indischen Bollywoodstar Shah Rukh Khan zu werfen, harrten Fans stundenlang in der Kälte aus.

Politisch aufgeheizt war die Zeit des Kalten Krieges mit dem Ost-West-Konflikt und der Debatte um den Vietnam-Krieg. 1970 sorgte Michael Verhoevens Vietnam-Parabel "o.k." für Krawall. Weil sie den Film für "unamerikanisch" hielt, trat die Jury zurück, der Wettbewerb wurde abgebrochen. 1976 beschlagnahmte die Polizei den japanischen Film "Im Reich der Sinne" wegen Pornografie-Verdachts.

1975 beteiligte sich erstmals die DDR und schickte Frank Beyers "Jakob der Lügner" in den Wettbewerb. 1979 reisten die Ostblock-Staaten protestierend ab. Grund: Der amerikanische Vietnamkriegsfilm "The Deer Hunter - Die durch die Hölle gehen" mit Robert De Niro. Die Berlinale war das erste große Festival, das einem asiatischen Regisseur den Hauptpreis verlieh. Zhang Yimou aus China erhielt 1988 für "Rotes Kornfeld" den Bären.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sprachen sich viele Schauspieler auf der Berlinale gegen den Golfkrieg aus. Der regimekritische iranische Filmemacher Jafar Panahi war 2011 Jury-Mitglied, durfte aber nicht ausreisen. Im selben Jahr gewann der iranische Film "Nader und Simin - Eine Trennung" von Asghar Farhadi den Gold-Bären. Im vergangenen Jahr holte Panahi mit "Taxi Teheran" in Abwesenheit den Hauptpreis.

Die Verlegung des Festivals vom Sommer in den Winter sei damals im Jahr 1978 zwar ein "Kälteschock" gewesen, habe aber das Überleben des Festivals gesichert, so Kosslick. "Weil es zwischen dem Festival in Cannes im Mai und dem Festival im August in Venedig auf der Berlinale sonst niemals große amerikanische Weltpremieren gegeben hätte. Die Filme wären schon in Cannes gezeigt worden oder die Regisseure hätten sie für Venedig aufgehoben."


dpa

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