‘5 Jahre Leben‘-Filmkritik: So schockierend ist Guantánamo

‘5 Jahre Leben‘-Filmkritik: So schockierend ist Guantánamo
Sascha Alexander Geršak spielt Murat Kurnaz. © dpa, Zorro Film

4 von 5 Punkten

Fast fünf Jahre war Murat Kurnaz unschuldig im US-Gefangenlager Guantánamo inhaftiert. Mit ‘5 Jahre Leben‘ bringt Jungregisseur Stefan Schaller die Geschichte des Deutsch-Türken nun ins Kino. Sein Drehbuch wurde schon vorab mit dem Thomas Strittmatter Preis ausgezeichnet - und das zu Recht, denn Schaller zeichnet in seinem Diplomfilm ein beeindruckendes und zugleich schockierendes Porträt von Murat Kurnaz‘ Haft und dem System Guantánamo.

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Wie Kurnaz in dem US-Gefangenenlager landete, wird im Film nur am Rande in wenigen, aber sehr gut platzierten Rückblenden thematisiert. ‘5 Jahre Leben‘ konzentriert sich auf das erste Jahr seiner Haft in Guantánamo und die Frage, wie ein junger Mensch eine solche Tortur aus Folter und Isolation aushalten kann. Dabei stehen zwei Protagonisten im Mittelpunkt: Auf der einen Seite Murat Kurnaz (Sascha Alexander Geršak; ‘Tatort‘, ‘Im Angesicht des Verbrechens‘), der drei Wochen nach dem 11. September 2001 nach Pakistan aufbrach, um mehr über den Islam zu erfahren. Und auf der anderen Seite der US-Verhörspezialist Gail Holford (Ben Miles; ‘V wie Vendetta‘), der mit allen Tricks von Manipulation bis Einschüchterung versucht, ein Geständnis von Kurnaz zu bekommen. Doch der damals 19-Jährige gesteht nichts oder hat nichts zu gestehen - und so verstreichen immer mehr qualvolle Monate.

Schaller legt ein beeindruckendes Kino-Debüt hin

‘5 Jahre Leben‘-Filmkritik: So schockierend ist Guantánamo
US-Verhörspezialist Gail Holford (Ben Miles) versucht alles, um aus Kurnaz ein Geständnis rauszukriegen. © dpa, Zorro Film

‘5 Jahre Leben‘ wird zu keinem Zeitpunkt langweilig - auch wenn man sich noch an den Fall erinnert. Denn Schaller schafft es, den Zuschauer so nah an Kurnaz heran zu führen, dass man seine Situation als Kinozuschauer nochmal ganz anders erlebt als damals in den Nachrichten. Man ist schockiert und leidet förmlich mit ihm. Stellenweise hat Schaller Kurnaz‘ Geschichte leicht fiktionalisiert, bleibt aber dabei im realistischen Rahmen. Realistisch ist auch die Darstellung des US-Gefangenenlagers: Trotz des geringen Budgets haben es Ausstattung und Szenenbildner geschafft, ein originalgetreues Bild von Guantánamo zu schaffen.

Interessant ist auch der Umgang mit dem zeitlichen Verlauf: Manch ein Regisseur hätte während des Films vielleicht Datumsangaben oder die Anzahl der Haft-Tage eingeblendet. Schaller macht dagegen kaum genaue zeitliche Angaben - mit einem sehr gelungenen Effekt: So wie Murat Kurnaz das Gefühl über die Dauer seiner Haft verlor, verliert es auch das Kinopublikum. Und noch etwas hat Schaller beim Faktor Zeit richtig gemacht: Der Film endet genau zum passenden Zeitpunkt.

Hauptdarsteller Sascha Alexander Geršak sieht man an, dass er deutlich älter ist als Murat Kurnaz damals. Der Schauspieler macht diesen Umstand aber mit seiner hervorragenden Leistung schnell vergessen. Dass Geršak für seine erste große Kinohauptrolle auch körperlich extrem an seine Grenzen gegangen ist und für Kurnaz‘ Hungerstreik weitgehend auf Nahrung verzichtet hat, hat sich absolut gelohnt. Und auch Ben Miles überzeugt mit seiner brillanten Darstellung des gerissenen Verhörspezialisten.

Insgesamt leistet Stefan Schaller mit ‘5 Jahre Leben‘ einen wichtigen Beitrag zu der Frage, inwieweit der Kampf gegen den Terrorismus die Rechte verletzt, die er eigentlich schützen sollte. Der Gang ins Kino lohnt sich also und regt obendrein noch zum Nachdenken an.

Von Michaela Sabine Berg

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